Wittinger Förderschule: Gelebte Inklusion auf einem Campus mit einer IGS?

Zukunft mit Fragezeichen

Wittingen. Wie geht es im Zuge der Inklusion mit den Förderschulen langfristig weiter? Zum Beispiel mit der Hermann-Löns-Schule in Wittingen? „Das weiß noch keiner“, sagt Michael Schemionek, Förderschulrektor in der Wittinger Rammestraße.

Derzeit läuft in der Landespolitik in Hannover offenbar die Willensbildung – Schemionek hatte jetzt den Abgeordneten der Grünen aus dem Nachbarkreis Uelzen, Heiner Scholing, zu Besuch, der die Lage vor Ort erkunden wollte.

Scholings rot-grüne Koalition spürt gerade Gegenwind für die Pläne, die „Förderschulen Lernen“ nicht nur – wie seit diesem Schuljahr – im Primarbereich auslaufen zu lassen. Ab 2014/15 soll das auch im Sekundarbereich gelten. Das wäre mittelfristig das Ende der Förderschulen – und damit auch der noch bestehenden Wahlfreiheit der Eltern, die derzeit selbst entscheiden können, ob sie ihr Kind an eine Regel- oder Förderschule schicken möchten.

Genau für diese Wahlfreiheit – und damit für den Erhalt der Förderschulen Lernen – setzt sich beispielsweise eine Petition im Internet ein: Unter https://www.openpetition.de und der Überschrift „Jetzt reicht’s!! Erhalt der Förderschulen Lernen in Niedersachsen“ hatten bis gestern 7848 von 10 000 erforderlichen Unterstützern unterschrieben. Darunter auch viele aus dem Isenhagener Land. Die Petition läuft noch 80 Tage. Der Kern der Debatte: Während an der Förderschule stark individualisierter Unterricht in kleinen Lerngruppen stattfindet, sitzen Schüler mit Förderbedarf an den Regelschulen in deutlich größeren Klassen, deren Lehrkräfte keine sonderpädagogische Ausbildung haben. Lehrer der Förderschulen fahren von Schule zu Schule, um den lernschwachen Schülern zusätzlich ein paar Stunden sonderpädagogischen Förderunterricht pro Woche zu geben. Die Unterzeichner der Petition sind überzeugt: Das Recht auf Bildung kann damit „nicht umgesetzt“ werden – auch wenn sie den Grundgedanken der Inklusion grundsätzlich bejahen.

Zudem laufen vielerorts in Niedersachsen lokale Initiativen mit derselben Stoßrichtung. Schulelternräte gehen an die Öffentlichkeit und beklagen, dass ihre Schulen mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen weder den förderbedürftigen noch den „normalen“ Schülern gerecht werden könnten. Worüber niemand gern offen reden möchte: Es gibt Erziehungsberechtigte, die die Anmeldung ihres Kindes an der Regelschule schon wieder rückgängig machen und es stattdessen an einer Förderschule anmelden wollen.

Die grundsätzliche Diskussion kennen freilich auch Schemionek und Scholing. Von der Hermann-Löns-Schule etwa fährt eine Lehrerin für drei Schulstunden pro Woche zu einer Schule in Rühen, um dort einer Schülerin Förderung zu bieten. Die durch dieses System verordnete Zeit im Auto ist Arbeitszeit, ihre Basis hat die Pädagogin weiterhin in Wittingen. Schemionek fände es sinnvoll, wenn Sonderpädagogen stattdessen für einen längeren Zeitraum – etwa ein halbes Jahr – an eine Regelschule abgeordnet werden könnten. Auch Scholing sieht das als „den richtigen Weg“ an. Schemioneks Stellvertreterin Judith Rathenow glaubt, dass über „die gesamte Schulstruktur geredet werden muss“, damit Inklusion Normalität werden kann.

Insgesamt haben sich laut Schemionek durch die Inklusion die zur Verfügung stehenden Lehrerstunden nicht geändert. Allerdings: Die Stelle der Konrektorin gibt es offiziell nicht mehr. In Spitzenzeiten hatte die Hermann-Löns-Schule mal 150 Schüler, jetzt sind es noch 76. „Unsere engagierte Arbeit geht trotz aller Unsicherheiten weiter“, sagt Schemionek.

Landespolitiker Scholing ist überzeugt: „Der Weg zur inklusiven Schule ist richtig“, auch wenn es unterschiedliche Sichtweisen zu den nötigen Ressourcen und zum Tempo des Prozesses gebe. Regional seien die Voraussetzungen sehr unterschiedlich: Während die Hermann-Löns-Schule 23 Grundschulen betreuen müsse, seien es in einem Fall im Nachbarkreis nur 4. Diese regionalen Aspekte gelte es bei der Suche nach Lösungen zu berücksichtigen. Natürlich weiß der Parlamentarier: Will man der im Zuge der Inklusion nötigen stärkeren Individualisierung des Unterrichts gerecht werden, dann muss das Land generell mehr Geld für Personal in die Hand nehmen. Wenn letzteres denn zu bekommen ist.

Mit Blick auf eine Weiterentwicklung der Hermann-Löns-Schule spricht Schemionek sich für eine IGS in Wittingen aus. Die hätte ihren Standort dann nur einen Steinwurf entfernt an der Spittastraße, und das böte, so der Schulleiter, Chancen für Synergien. Die Regelschul-Alternative für Förderschüler sei in vielen Fällen die IGS, und durch die Nachbarschaft könne man die Fahrzeiten der Sonderpädagogen verringern und damit mehr Zeit den Schülern widmen. Schemionek stellt sich einen „Campus“ vor, auf dem man bei organisatorischer Verzahnung der beiden Schulen „die Inklusion leben kann“.

Von Holger Boden

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