Gemeindearbeit ohne Kirchensteuer – das birgt auch Herausforderungen

Wittingen: Die SELK setzt auf Spenden

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Bleiben auch beim Thema Finanzen freundlich: Pastor Herbert Bäsler (l.) und Rendant Gerhard Müller.
  • Holger Boden
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Wittingen. Als Gastgeber für ihren Kirchenbezirk Niedersachsen-Süd hat die Selbständige Evangelisch-lutherische Kirche Wittingen kürzlich ein munteres Posaunenfest ausgerichtet (das IK berichtete).

Ein anderes großes Thema des Frühjahrs waren für die St. Stephansgemeinde die Finanzen. Ein Punkt, der den Blick darauf lenkt, wie sehr eine selbstständige Kirche von der Identifikation ihrer Mitglieder mit der gemeindlichen Arbeit lebt.

Denn die SELK erhält keine Zahlungen aus dem deutschen Kirchensteuersystem. „Die Möglichkeit wäre da“, sagt Rendant Gerhard Müller, bei der Wittinger SELK der Aufseher über die finanziellen Belange. „Aber wir machen davon keinen Gebrauch. Wir wollten das sauber getrennt haben und uns selbst verwalten“ – dieses „Wir“ gilt nicht nur für Wittingen, es gilt für die SELK ganz allgemein. Nach ihrer Grundordnung erhält die Kirche „sich selbst aus Beiträgen, Kollekten und Spenden ihrer Glieder“. Jeder soll so zahlen, wie er es zu leisten vermag.

Die Wittinger SELK sah sich im März gefordert, ihre Gläubigen auf dieses Prinzip der „geordneten Freiwilligkeit“ noch einmal aufmerksam zu machen, denn die Statistik wies unter den rund 200 Gemeindegliedern mittlerweile so manchen Nichtzahler aus.

„Einige mussten einfach nur angestoßen werden“, berichtet Müller nun über die Reaktionen. „Mancher hatte darüber nie so richtig nachgedacht.“

Gleichzeitig zeigen die Rückmeldungen, die der Kirchenvorstand bekam, auch die ganz normalen Herausforderungen, denen eine ländliche Kirchengemeinde immer wieder ausgesetzt ist: Einzelne Gemeindeglieder waren verzogen, blieben Mitglied, zahlten aber nicht mehr. Einige waren einst in die Gemeinde hineingewachsen, hatten sich aber von der aktiven Zugehörigkeit gedanklich verabschiedet. In einigen Fällen, so weiß Müller, gibt es „einfach kein Einkommen“.

„Schwierigerer Weg“

Das gilt dann auch als triftiger Grund für finanzielles Nicht-Engagement: „Es wird niemand rausgeschmissen, weil er nicht zahlen kann“, betont Müller. Christliche Barmherzigkeit und brüderlicher Umgang sind der SELK auch in finanziellen Dingen wichtig.

Das soll aber möglichst auch beiderseitig so gesehen werden: „Wenn man mit dem Herzen dahintersteht, hat man auch eine größere Gebefreudigkeit, als wenn der Betrag einfach nur mit der Steuer eingezogen wird“, sagt Pastor Herbert Bäsler und betont damit die Philosophie, die hinter den freiwilligen Beiträgen steht. Er weiß: „Unser Weg ist der schwierigere.“ Und das persönliche Engagement in der Gemeindearbeit sieht er als genauso wichtig an wie das mit dem Geldbeutel.

Doch es geht eben nicht ohne finanzielle Grundlage. Ein großer Teil der gemeindlichen Einnahmen wird abgeführt an die allgemeine Kirchenkasse der SELK in Hannover, die bezahlt davon unter anderem die Geistlichen, die Kirchenmusiker und die Verwaltungsarbeit. Die Immobilien vor Ort – Kirche, Gemeindehaus, Pfarrhaus – sind Angelegenheit der Gemeinde selbst, auch sie müssen aus freiwilligen Zahlungen finanziert werden. Erst letztes Jahr wurde für einen sechsstelligen Betrag das Pfarrhaus saniert.

Der Vorstand will nun mit den Nichtzahlern weiter den Dialog suchen – und gemeinsame Lösungen. Die Demografie – auf dem Land oft an allem schuld – sehen Müller und Bäsler nicht als das große Problem an, jedoch schon als Herausforderung. Die Altersstruktur sieht Bäsler als „durchaus gut“ an.

Zur Gemeinde gehören derzeit mehr als 20 Kinder und Jugendliche. Bäsler hat einen Jugendkreis wieder ins Leben gerufen, seine Erfahrungen als Jugendpastor waren ein Einstellungskriterium, als er im März 2015 nach Wittingen berufen wurde. Zahlen müssen die Jugendlichen nicht, solange sie kein Einkommen haben.

Positives Zwischenfazit

Nach etwas mehr als einem Jahr im Amt zieht der Pastor ein positives Zwischenfazit: „Die Gemeindearbeit läuft gut, wir fühlen uns wohl“, sagt der Geistliche und meint damit auch seine Ehefrau, die noch zweimal pro Woche als Arzthelferin nach Wriedel fährt.

Müller bestätigt Bäslers Einschätzung: „Er ist dicht dran an der Gemeinde“, sagt der Rendant und bezieht das auf so verschiedene Bereiche wie Jugend, Seniorenarbeit oder Musik. Als aktiver Bläser ist Bäsler insbesondere beim Posaunenchor mittendrin im Geschehen. Die in der Brauereistadt gelebte Ökumene liegt ihm am Herzen, und was ihm in Wittingen besonders gefällt: „Die SELK ist hier präsent.“

Von Holger Boden

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