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Wittingen: Energie beim 2. Wirtschafts-Talk im Fokus

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Von: Holger Boden

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Auf dem Podium: Moderator Bastian Till Nowak (v.l.), Landrat Tobias Heilmann, Jörg Bialas, 2. stellvertretender Bürgermeister der Stadt Wittingen, Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies und Thomas Fast, Vorstandsvorsitzender der Wirtschaftsvereinigung Gifhorn.
Auf dem Podium: Moderator Bastian Till Nowak (v.l.), Landrat Tobias Heilmann, Jörg Bialas, 2. stellvertretender Bürgermeister der Stadt Wittingen, Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies und Thomas Fast, Vorstandsvorsitzender der Wirtschaftsvereinigung Gifhorn. © Gerlach, Paul

Wittingen – Es war eine intensive Diskussion, die 70 Gäste im Besucherzentrum der Privatbrauerei Wittingen und zahlreiche Live-Stream-Zuschauer am Donnerstagabend, 27. Oktober, erlebten, und statt der geplanten zwei hätte sie auch vier oder sechs Stunden dauern können: Die Energiekrise stand beim 2. Wirtschafts-Talk der Wirtschaftsvereinigung Gifhorn (WVGF) deutlich im Mittelpunkt.

Zur zweiten Auflage des Formats, das im Frühjahr in Gifhorn Premiere gefeiert hatte, hatte die WVGF gemeinsam mit dem Isenhagener Kreisblatt eingeladen, mit freundlicher Unterstützung der Privatbrauerei. Der WVGF-Vorstandsvorsitzende Thomas Fast erläuterte die Zielrichtung der rund 160 Mitglieder starken Vereinigung: ein starker Partner sein für Unternehmen im ganzen Kreisgebiet, bei engerer Vernetzung der Betriebe aus dem Süd- und dem Nordkreis. „Wir müssen voneinander lernen, wir müssen miteinander reden“, sagte Fast und stellte mit Blick auf die aktuellen Probleme, zu denen auch der Klimawandel gehört, die Wichtigkeit einer gesunden Wirtschaft heraus.

Und das war dann im Prinzip auch einer der Kernaspekte der Podiumsdiskussion, an der neben Fast der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies, Gifhorns Landrat Tobias Heilmann und Wittingens zweiter stellvertretender Bürgermeister Jörg Bialas teilnahmen. Die Moderation übernahm der Gifhorner Journalist Bastian Till Nowak, und der charakterisierte die sich anschließenden fast 120 Minuten so: „Unsere Themen sind die drängendsten Themen unserer Zeit.“

Wie sehr diese den Wittinger Alltag betreffen, das machte der Hausherr deutlich: „Es ist ein unsicherer Winter, auf den wir zusteuern“, sagte Privatbrauerei-Geschäftsführer Axel Schulz-Hausbrandt, „und ich würde meinen Mitarbeitern gern Angst, Sorgen und Nöte nehmen.“ Er machte deutlich, dass es in der Energiekrise anstelle von „Subventionen am Ende des Frühlings“ eine sehr baldige Unterstützung für die Wirtschaft braucht: „Deckeln Sie die Preise.“

Minister Lies nahm, auch wenn er nicht mit an den Berliner Schalthebeln der Macht sitzt, den Ball auf: Ja, an einem Gaspreisdeckel führe „kein Weg vorbei“, und man könne „keinem erklären“, dass der erst im März kommt. Ab Januar müsse eine solche Maßnahme greifen.

Lies betonte, dass es in dieser Situation einen handlungsfähigen Staat brauche. Die Stabilisierung der Wirtschaft sei essenziell: „Wenn die Wirtschaft nicht funktioniert, funktioniert nichts mehr.“ Der Minister regte auch zum Nachdenken über gewisse ökonomische Dogmen an: „Vielleicht regelt der Markt doch nicht alles von allein.“

Auf die Frage des Moderators, was der Landkreis mit Blick auf die Energiekrise tun könne, berichtete Landrat Heilmann von Energiesparmaßnahmen bei kreiseigenen Liegenschaften und lenkte den Blick auf erneuerbare Energien. So beschäftige man sich derzeit mit Anträgen für insgesamt 2000 Hektar Freiland-Photovoltaik – das Soll des Landkreises liege bei 100 Hektar. Mit regenerativ erzeugtem Strom könne man auch „beim Thema Wasserstoff vorangehen“, sagte Heilmann, der monierte, dass neuen Windrädern bei Wittingen zum Teil Tiefflugstrecken für Bundeswehr-Hubschrauber entgegenstehen.

Nach kommunalen Energiesparmaßnahmen in Wittingen befragt, verwies Bialas auf verkürzte Laufzeit der Straßenbeleuchtung. Im städtischen Arbeitskreis sei auch über den Warmbadetag im Knesebecker Hallenbad gesprochen worden – den werde man wohl auch künftig haben, aber „vielleicht nicht mehr bei 33 Grad“.

Die Diskussion warf viele weitere Fragen auf, auch von Zuhörerseite: Energie als Waffe des Kreml, die Sorge vor leeren Gastanks im Winter 2023/24, die Deckelung von Stromproduktion in Biogas-Anlagen – vieles davon sind, wie Lies wiederholt erklärte, komplexe Probleme, die komplexe Antworten erfordern. Der Sozialdemokrat betonte mehrfach die Notwendigkeit einer Energiepolitik, die auf Versorgungssicherheit und wachsende Autarkie ausgerichtet ist, und er verhehlte nicht, dass in vergangenen Jahren politische Fehler gemacht wurden: „Wir waren sehr bequem.“

Nach der Energie-Diskussion war noch Zeit für ein weiteres Thema: die Lage der Bauwirtschaft und der Mangel an Wohnraum, insbesondere im sozialen Wohnungsbau. Zum Stand bei den Plänen für eine kreiseigene Wohnungsbaugesellschaft sagte Heilmann, dass derzeit an demografischen Prognosen gearbeitet werde, und darauf aufbauend wolle man dann ein Konzept erstellen.

Bauunternehmerin Anne-Kathrin Peters fasste als Zuhörerin die aktuellen Probleme ihrer Branche zusammen: teure Baustoffe, Lieferprobleme, steigende Zinsen, reduzierte Fördergelder, viele Vorschriften. Andreas Otto, geschäftsführender Vorstand der Gifhorner Wohnungsbaugenossenschaft, kritisierte ebenfalls das Wegbrechen von Zuschüssen: „Die Förderung hat funktioniert, dann ist sie weggefallen, jetzt muss man sich was Neues einfallen lassen – was ist der Zweck dahinter?“ Lies konzedierte, die Sanierung alter Substanz sei „eine ganz zentrale Herausforderung“. In der Tat müsse man nun über neue Fördermodelle nachdenken.

Zum Abschluss des Abends dankte IK-Geschäftsführerin Heike Köhn der WVGF dafür, den 2. Wirtschafts-Talk in den Nordkreis gelegt zu haben. Mit Blick auf das Motto „Eine starke Gemeinschaft für eine starke Region“ sagte sie: „Das ist auch uns als Tageszeitung ungeheuer wichtig – dass wir hier zueinander stehen.“ WVGF-Vorstandsvorsitzender Fast lobte die Zusammenarbeit mit dem IK – eine Kooperation, in deren Rahmen auch die erste Auflage der Broschüre „WVGF aktuell“ erschienen ist. Diese wurde an die Gäste des Abends ebenso kostenlos verteilt wie die neueste Ausgabe des IK-Wirtschaftsmagazins.

Vor und nach der Podiumsdiskussion hatten die Gäste im Besucherzentrum bei einem Imbiss und Getränken Gelegenheit zu angeregten Gesprächen. Die Podiumsdiskussion lässt sich unter www.youtube.com/watch?v= 5TMFz_ASMZ4 abrufen.

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