Landwirtschaft und Nachhaltigkeit – die Perspektive eines Wittinger Landwirts

„Wir denken in Generationen“

Friedrich Lührs steht an einem Getreidefeld, wo er Trespe entdeckt hat – für den Ackerbau ein „Ungras“. Fotos: boden
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Friedrich Lührs steht an einem Getreidefeld, wo er Trespe entdeckt hat – für den Ackerbau ein „Ungras“.

Rumstorf – Wenig Artenvielfalt, weil zu viel gemäht wird. Belastetes Grundwasser, weil zu viel gedüngt wird. Gesundheitsgefahren, weil zu viel gespritzt wird.

Landwirte sehen sich vielfältigen Vorwürfen ausgesetzt, manche wehren sich dagegen mit Trecker-Demos, weil sie das Gefühl haben, dass ihre Verbände zu still sind. Doch hupende Zugmaschinen überzeugen nicht jeden. Was sind die alltäglichen Zwänge auf dem Hof und auf den Feldern, wie steht ein Landwirt, der reichlich Getreide ernten will und muss, zu Blühstreifen? Ein Besuch bei Friedrich Lührs in Rumstorf.

Kamille am Rand eines Getreideschlags, im Hintergrund eine inzwischen baumhohe Heckenpflanzung.

Dem oft zirkulierenden Vorwurf, die konventionell wirtschaftenden Bauern würden ohne Rücksicht auf ökologische Verluste Ertragsmaximierung betreiben, will Lührs gleich zu Beginn des Gesprächs entgegentreten: „Wir Landwirte denken doch in Generationen“, sagt der 63-Jährige, der den Hof gemeinsam mit seinem Sohn bewirtschaftet und im Herbst zum zweiten Mal Großvater wird. Das soll heißen: Das Land soll nicht ausgebeutet werden, sondern auch noch für Enkel und Urenkel eine Lebensgrundlage bieten. Fläche sei in Deutschland schon immer ein knappes Gut, deshalb agiere ein Landwirt in aller Regel auch nachhaltig.

„Drei Imker stellen bei mir ihre Bienen auf“

Mit 250 Hektar Ackerfläche bewirtschaftet die Familie Lührs ein stattliches Areal. Mit rund einem Viertel der Anbaufläche bilden Kartoffeln einen Schwerpunkt, hinzu kommen verschiedene Getreidearten, Raps, Mais für die Lübener Biogasanlage. Auf 12 Hektar sind dieses Jahr Sojabohnen hinzugekommen, der Fruchtfolge wegen, es soll auch dem Acker guttun.

„Die Kulturen stehen im Moment gut“, sagt der Rumstorfer, nach den Auswirkungen des trockenen Frühjahrs gefragt, „aber wir haben auch schon wieder einiges an Wasser verregnen müssen. Wer nicht beregnen kann, der hat schon irreparable Schäden auf seinen Äckern.“

Das ist ja eins dieser Themen, die die Branche seit Jahren umtreiben. Lührs sagt, im Dürrejahr 2018 habe ihn allein die Beregnung rund 100 000 Euro gekostet. Jeder Landwirt sei natürlich bemüht, seine Felder möglichst ökonomisch zu bestellen, das gelte bei der Beregnung wie beim Düngen oder bei der Bekämpfung von Schädlingen.

Weil es bisher insgesamt sehr trocken war, gibt es aktuell keine großen Probleme mit Pilzbefall. „Wir sind nur einmal mit Fungizid durch den Weizen gefahren“, sagt Lührs. Einige Flächen hat er mit Insektizid behandelt, „drei mal fünf Liter, ein hochwirksames Mittel“. Das werde verdünnt, so dass am Ende 75 Milliliter pro Hektar ausgebracht werden. Hauptsächlich gehe es dabei in diesem Jahr um Käfer, die den Raps schädigen. „Drei Imker stellen bei mir ihre Bienen auf“, sagt Lührs. „So schlimm kann es also nicht sein mit der Chemie. Die richtig giftigen Sachen hat man uns eh alle verboten.“

Wildwuchs wird „auch mal toleriert“

Der 63-Jährige sagt, dass die Bestände wöchentlich auf Handlungsbedarf kontrolliert werden. Auch beim Pflanzenschutz gelte die ökomonische Abwägung zwischen Nutzen und Kosten: „Da spare ich gerne ein paar Hunderter.“ Im langjährigen Mittel gebe er 150 Euro pro Hektar für Herbizide, Fungizide oder Insektizide aus, also 30- bis 40 000 Euro pro Jahr. „Manchmal toleriert man das auch“, sagt Lührs und zeigt auf Kornblumen und Kamille, die sich vom Rand aus stellenweise in ein Gerstenfeld hineingearbeitet haben, dort aber mit Blick auf die Ernte nicht zu zahlreich werden dürfen.

Die Blühstreifen an den Feldern müssen bis zum 15. Juli stehen bleiben, das ist Vorschrift. Würde er sie vorher mähen, wenn er dürfte? „Nein“, sagt Lührs nach kurzem Überlegen – räumt aber ein, dass das nicht alle Berufskollegen so sehen.

Und was ist nun mit dem Nitrat in den Böden? Lührs moniert, dass die Vorgaben der Düngeverordnung manchen wissenschaftlichen Kriterien widersprächen: „Wenn wir beim Kartoffelroden den Boden bearbeiten, dann werden schon 60 bis 70 Kilogramm Nitrat pro Hektar freigesetzt. Und wenn es dann regnet, wird das Nitrat ins Oberflächenwasser geschwemmt.“ Dabei könne gegebenenfalls schon eine Belastung von 30 Kilogramm reichen, die Grenzwerte zu reißen. „Aber wir müssen ja nun einmal roden, hilft ja nix.“

Hecken gegen Erosion und Verdunstung

Lührs will merklich dem Vorurteil entgegenwirken, ein konventionell wirtschaftender Landwirt interessiere sich nicht für Ökologie. Besonders stolz zeigt er denn auch auf Heckenpflanzungen zwischen seinen Feldern, von denen die ersten in den frühen Siebzigern von seinem Vater angelegt wurden. Das diene dem Windschutz, mindere damit Verdunstung und Erosion und fördere die Artenvielfalt: „Das ist Lebensraum und Biotopvernetzung für Insekten und Vögel.“

VON HOLGER BODEN

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