„Werde als Simulantin dargestellt“

Wegen Krankenfahrstuhl: 59-jährige Knesebeckerin fühlt sich angefeindet

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Erfährt mit ihrem Krankenfahrstuhl bei einigen Zeitgenossen Ablehnung: die Knesebe-ckerin Charlotte Gohs. 

Knesebeck – Charlotte Gohs legt die Betriebsanleitung ihres Krankenfahrstuhls vor: „Sie können auf dem Gehweg oder Fahrradweg am Straßenverkehr teilnehmen“, steht dort geschrieben. Und: Die Straße sei auch erlaubt.

Für die 59-jährige Knesebeckerin ist es wichtig, diese Informationen Schwarz auf Weiß zu haben. Denn nach diesen Richtlinien nutzt sie ihren E-Scooter – und fühlt sich deswegen im eigenen Ort angefeindet.

Das gehe nun schon seit etwa zwei Jahren so, sagt Gohs – und ist, während sie von den Erlebnissen der jüngeren Zeit berichtet, mehrfach den Tränen nahe. Es seien ein paar Menschen „aus der erweiterten Nachbarschaft“, deren „Mobbing“ sie sich ausgesetzt sehe: „Einige Leute sagen, ich soll nicht auf dem Gehweg fahren, sondern auf der Straße. Dann kriege ich wieder zu hören, ich dürfe die Straße nicht einmal überqueren, weil ich kein Nummernschild habe.“

Ihre Opponenten, so scheint es, geben der 59-Jährigen das Gefühl, sich mit ihrem fahrbaren Untersatz eigentlich nirgends bewegen zu dürfen. „Ich werde sogar als Simulantin dargestellt.“ Treffe sie beim Kaffee im NP-Markt die falschen Leute, dann gebe es schon mal „dumme Sprüche“. So hat Gohs mitunter zu hören bekommen, sie könne sich „ja mehr bewegen“.

So etwas bringt auch ihren Ehemann Klaus-Dieter auf die Palme. „Mich wurmt solche Ungerechtigkeit. Charlotte macht im Garten mit, soweit sie kann. Aber alle 5 bis 10 Minuten muss sie sich hinsetzen.“

Den Krankenfahrstuhl, landläufig auch Seniorenmobil genannt, habe sie auf ärztliche Verordnung, sagt die 59-Jährige. Nach einem Bandscheibenvorfall vor ein paar Jahren sei eine Operation „schief gegangen“, ein Fußheber sei nun gelähmt, sie kann ihre Zehen nicht mehr bewegen. Das Gehen fällt ihr sichtlich schwer. Mit einem Rollator, so erzählt sie, sei sie zweimal gestürzt.

„Mit meinem Krankenfahrstuhl kann ich soziale Kontakte pflegen“, sagt Gohs. Und zum Glück seien ja die meisten Knesebecker nicht so, dass sie sie wegen ihres fahrbaren Untersatzes anfeinden.

Auch die Polizei hat sie wegen der Vorfälle zwischenzeitlich schon mal eingeschaltet. Bei den Beamten habe sie sich auch rückversichert, dass ihr Verhalten mit ihrem Gefährt legitim ist. Der Scooter fahre Schritttempo, erst oberhalb von 6 km/h brauche man ein Kennzeichen. Charlotte Gohs zeigt wieder auf die Betriebsanleitung.

In ihrer Situation freut sie sich über kleine Gesten der Freundlichkeit. Neulich war sie auf einem Bürgersteig unterwegs, darauf blockierte ein Fahrzeug den Weg. Ausweichen auf die Straße war für sie nicht drin, denn für den Krankenfahrstuhl war die Bordsteinkante zu hoch. Doch sie konnte den Besitzer auf sich aufmerksam machen, und der fuhr seinen Wagen sofort weg. „Der war nett“, sagt Gohs.

Doch es gibt eben auch andere Fälle. Als die 59-Jährige bei anderer Gelegenheit einen Knesebecker bat, sein Fahrzeug umzuparken, damit sie passieren konnte, war dieser nicht so nett: „Er sagte, ich hätte doch wohl mal Zeit, eine halbe Stunde zu warten.“

VON HOLGER BODEN

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