Unrühmlicher Teil der DDR-Geschichte

RainerPotratz

Böckwitz - Von Wolfram Weber. Schon Tradition hat die Zusammenarbeit des Böckwitzer Museums mit der Magdeburger Außenstelle der Stasi-Unterlagenbehörde. Am Sonntag gab es einen weiteren Vortrag über die DDR-Zeit, der sich mit der Rolle der Stasi bei den Zwangsumsiedlungen 1952 und 1961 beschäftigte.

Rainer Potratz ist Historiker und Mitarbeiter der Gedenkstätte Deutsche Teilung in Marienborn. Von 1990 bis 1994 hat er sich intensiv mit dem Thema beschäftigt, viele Unterlagen und Protokolle gelesen und ausgewertet aber auch mit vielen Betroffenen gesprochen.

Bis auf den letzten Platz war das Backhaus im Museum besetzt, immer wieder mussten die Besucher für weitere Interessierte zusammenrücken und Platz für weitere Stühle machen. Am 8. Februar 1950 wurde das Ministerium für Staatssicherheit (MFS) gegründet. Die Zwangsaussiedlung wurde von den Russen angeordnet. Die Sowjetunion entwickelte die Pläne, die von der SED umgesetzt werden.

Ausländer und Staatenlose; Personen, die nicht polizeilich gemeldet waren; Kriminelle, die eventuell wieder straffällig werden könnten, sowie alle Personen, die wegen ihrer Stellung in und zur Gesellschaft eine Gefährdung der antifaschistisch-demokratischen Ordnung darstellten, und alle Familienangehörigen, die mit im Haus lebten, sollten zwangsumgesiedelt werden. Gründe waren beispielsweise illegaler Grenzübertritt, enge familiäre Kontakte in den Westen, politische Auffälligkeiten oder antikommunistisches Verhalten. Vermutungen und Denunzierung reichten für eine Zwangsumsiedelung.

Ausgesiedelt wurden hauptsächlich Besitzer größerer Höfe, Selbstständige, Kinder, Frauen und Rentner. Daran beteiligt waren auch die Landkreisverwaltungen, die Reichsbahn, Betriebe, VdGB, VEAG und die Kreishandwerkerschaft, da die Werte der Betriebe ermittelt werden mussten. Umgesetzt wurde die Zwangsumsiedelung hauptsächlich von der Volkspolizei und der Abteilung Inneres. Auf allen Ebenen war das MfS beteiligt. 1952 hatte die Stasi „nur“ 8800 Mitarbeiter, weshalb auch viele andere Institutionen beteiligt waren.

Vielen Menschen gelang bei der Zwangsumsiedlung die Flucht in den Westen. Der Transport erfolgte nachts, ohne Angabe des Ziels, die Quartiere am Zielort waren in einem katastrophalen Zustand.

Im April 1953 gab es die meisten Flüchtlinge gen Westen. Daraufhin wurde das MfS ausgebaut und Kampfgruppen in den Betrieben wurden aufgebaut. Es wurden Kreis- und Bezirkseinsatzleitungen und ein Nationaler Verteidigungsrat gegründet.

1960/61 gab es eine starke Abwanderung aus der DDR, weshalb im Sommer 1961 der Bau der Mauer beschlossen wurde. Nach den Wahlen 1961 wurde eine weitere Zwangsumsiedlung aus dem 500-Meter-Schutzstreifen und der Fünf-Kilometer-Sperrzone beschlossen. Ehemalige Nazis, Grenzgänger und Rückkehrer aus dem Westen nebst ihren Familien gehörten zu den Betroffenen.

Am 3. Oktober 1961 startete die zweite Zwangsaussiedlung. Um 5 Uhr gab es in den betreffenden Orten Gemeindevertreterversammlungen, bei denen bekannt gegeben wurde, wer umgesiedelt werden soll. Um 6 Uhr begann die Umsiedelung. Mit Lkw und Pkw wurden die Menschen mit etwas Hab und Gut über Nebenstraßen zumeist im gleichen Bezirk umgesiedelt. Die Opfer wurden sofort von der Stasi bespitzelt und ihre Post kontrolliert. Jede Familie bekam einen IM zur Seite. Durch das nationale Verteidigungsgesetz wurden die Opfer enteignet. Eine geringe Entschädigungssumme kam auf ein Sperrkonto, von dem in jedem Jahr maximal 3000 DDR-Mark abgehoben werden durften, die auch noch versteuert werden mussten. Viele Betroffene erlitten psychische Probleme, Rehabilitierungen und Entschädigungen sind für die Opfer oft nicht zufrieden stellend, so das Resümee von Rainer Potratz.

Außen vor blieben bei dem Vortrag weitestgehend die Perspektive und das Schicksal der Betroffenen, was Rainer Potratz aber schon im Vorfeld anmerkte. Rainer Bischoff aus Wienhausen empfahl daher den Anwesenden das Buch „Aktion Ungeziefer“ von Manfred Wolter.

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