Dr. Hamid Bashiriyeh berät psychisch belastete Geflüchtete in Wittingen

Trauma durch Gewalt und Krieg

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Gunter Schuller (l.), Leiter der Ehe-, Familien und Lebensberatungsstelle des Kirchenkreises Wolfsburg-Wittingen, und Dr. Hamid Bashiriyeh wollen traumatisierten Geflüchteten helfen.

Wittingen. Mord, Folter, sexueller Missbrauch – das Ausmaß an Gewalt, das geflüchtete Menschen in ihrer Heimat oder auch noch auf der Flucht ertragen oder aus nächster Nähe ansehen mussten, ist kaum vorstellbar.

Diese traumatisierenden Erlebnisse belasten die Menschen und erschweren eine Integration. Seit rund zehn Monaten bietet die Ehe-, Familien und Lebensberatung des Kirchenkreises Wolfsburg-Wittingen daher Hilfe im Wittinger Spittahaus an.

Traurigkeit, Panikattacken, Schlafstörungen: Das sind die häufigsten Symptome, die Dr. Hamid Bashiriyeh bei den Geflüchteten feststellt und behandelt. Aber auch Schuld- und Schamgefühle, Flashbacks oder Suizidgedanken sind nicht ungewöhnlich. Im Alltag kann sich das in den unterschiedlichsten Verhaltensweisen äußern. „Da gibt es Menschen, die spontan in einer Schlange im Supermarkt umkippen, oder aber solche, die Panikattacken bekommen, wenn sie eine bestimmte Sprache hören“, erklärt Gunter Schuller, Leiter der Wolfsburger Beratungsstelle.

„Unser Ziel ist es, diese traumatisierten oder psychisch schwer angeschlagenen Menschen zu erkennen und ihnen zu helfen, um so auch die Integration zu erleichtern“, sagt Bashiriyeh. Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) seien dabei ein großes Hindernis.

Bashiriyeh hat im Irak Psychologie studiert. Dort hatte er bereits viele Erfahrungen mit Soldaten und Bombenopfern gesammelt, bevor er in Deutschland promovierte. Seit gut zehn Monaten betreut er in Wittingen 40 Klienten aus dem ganzen Nordkreis ins bislang gut 240 Beratungsstunden. „Die Zahl der Ratsuchenden ist seit 1990 etwa um 800 Prozent gestiegen“, weiß Schuller. Daher habe er ein Konzept für die Beratung von Migranten erarbeitet und die Fernsehlotterie als Förderer gewinnen können. Das Projekt ist vorerst auf drei Jahre ausgelegt.

Das Angebot steht auf zwei Säulen: der aufsuchenden Arbeit in den Unterkünften und der beratenden Arbeit. „Die meisten Klienten kommen aus dem Nahen oder Mittleren Osten, wie Afghanistan, Irak oder Iran“, so Schuller. „Aber auch aus Afrika oder Osteuropa.“

Die traumatisierten Menschen seien meist Zeugen von Gewalt geworden oder hätten diese am eigenen Leib erfahren. Krieg, Gefangenschaft, Leichen – viele erlebten dies im Kindesalter. „Ein extremer Fall war ein junger Afghane, der in seiner Heimat entführt und zwei Wochen lang als Geisel gehalten wurde“, erzählt Schuller. „Er wurde gefoltert, missbraucht und dabei gefilmt. Die Videos gingen an seine Familie, um Lösegeld zu erpressen.“ Als der Junge dann gewaltsam befreit wurde, sah er, wie Familienangehörige einige der Geiselnehmer töteten. Kurz darauf übten die verbliebenen Geiselnehmer Rache und töteten seine Familie. Der Junge flüchtete daraufhin nach Europa. „Er zeigt eine ganze Reihe von PTBS-Symptomen: Schlafstörungen, Schamgefühle und Panikattacken“, sagte Bashiriyeh. „Die blutigen Szenen laufen wie ein Film vor seinen Augen ab.“ Und Schuller sagt: „Von heute auf morgen lassen sich solche Erlebnisse nicht verarbeiten.“

Generell sei es eine große Hilfe, mit den Klienten in ihrer Muttersprache zu reden. „Das schafft Vertrauen“, betont Bashiriyeh, der selbst fließend Deutsch, Englisch und Persisch (Farsi, Dari) spricht. Auch gebe es teilweise unter den Geflüchteten eine hohe Schamgrenze, überhaupt Hilfe anzunehmen oder sich emotional zu öffnen. „Da braucht man viel Geduld und Einfühlungsvermögen“, sagt Bashiriyeh.

Vor all dem Leid, von dem die Geflüchteten berichten, können Bashiriyeh und Schuller die Augen nicht verschließen. „Man kann nicht helfen, ohne sich selbst berühren zu lassen“, ist Schuller überzeugt. „Aber man muss auch auf das achten, was wir in Fachkreisen als die eigene Psychohygiene bezeichnen und sich einen Ausgleich schaffen.“ Bashiriyeh ergänzt: „Ich halte mir immer vor Augen: Meine Aufgabe ist es, einem anderen zu helfen. Wenn sich unsere Klienten besser fühlen, ist das unsere Belohnung.“

Für Fragen ist Bashiriyeh unter (0175) 3733843 erreichbar, die Beratungsstelle unter (05361) 13162.

Von Dennis Klüting

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