Ein Jahr danach sind die Schuldigen noch nicht gefunden

Totes Baby bei Knesebeck: Der fehlende Fingerzeig 

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Das Grab des am 4. März 2017 tot aufgefundenen Säuglings auf dem Knesebecker Friedhof. Nach wie vor drücken Besucher mit Grablichtern oder Figuren ihre Anteilnahme aus.

Knesebeck. Zuerst war da nur diese blau-weiße Aldi-Tüte, von Müllsammlern südlich von Knesebeck aufgelesen. Dann wurde daraus ganz schnell einer der bewegendsten Kriminalfälle der jüngeren Geschichte im Landkreis Gifhorn.

Am kommenden Wochenende ist es ein Jahr her, dass die Aktion „Sauberer Landkreis“ vom Fund einer Babyleiche überschattet wurde. Die Ermittlungen sind bisher zu keinem Ziel gekommen.

Einsamer Platz südlich des Ortes: der Fundort der Babyleiche am Celler Weg gestern. 

Am 4. März des vergangenen Jahres schwärmen in Knesebeck – wie in vielen anderen Orten des Landkreises – freiwillige Helfer aus, um Dörfer, Feld und Flur von Unrat zu befreien. Unter ihnen ist Friedrich-Wilhelm Kirchhoff, der sich zusammen mit drei Flüchtlingen den Bereich des Celler Weges vornimmt. Dort gibt es an einer Wegkreuzung einen Grünzeug-Haufen, der bekannt dafür ist, dass dort immer mal wieder Müll landet.

Und tatsächlich werden die Sammler fündig – doch der Inhalt der Plastiktüte lässt sie erschaudern. Was zuerst nach Fleischresten aussieht, ist in Wirklichkeit der Leichnam eines Säuglings.

„Den Anblick des Babys werde ich in meinem Leben nicht mehr vergessen und habe oft Probleme damit“, sagt Kirchhoff noch heute. „Gerade in diesen Wochen passiert es häufiger.“ Die Erinnerung kommt vor allem auch dann wieder hoch, wenn er den Knesebecker Friedhof besucht – dort wurde der Säugling schon eineinhalb Wochen nach dem Fundtag unter öffentlicher Anteilnahme beigesetzt.

Ein großes Gesprächsthema ist die Sache in Knesebeck zurzeit nicht mehr – das sagen Friedrich-Wilhelm Kirchhoff, Ortsbürgermeister Heinz-Ulrich Kabrodt und Pastorin Christina vom Brocke unisono. Das liegt vielleicht auch daran, dass es von den Ermittlungen der Kripo seit Monaten nichts Neues mehr zu vermelden gibt. Wer die Eltern des toten Jungen sind, wer für seinen Tod verantwortlich ist, warum gerade Knesebeck als Ablageort ausgewählt wurde – das alles bleibt weiterhin im Dunkeln.

Die Ermittler ließen nichts unversucht und setzten unmittelbar nach dem Fund auch Spürhunde ein.

Kreisweit hatten die Ermittler mit Plakaten um Hinweise aus der Bevölkerung gebeten, in Gifhorn wurde eine Sonderkommission gegründet und inzwischen wieder aufgelöst. Mehr als 500 Hinweise hat die Gifhorner Kripo ausgewertet, der Babyleichnam wurde an der MHH in Hannover obduziert. Der entscheidende Fingerzeig fehlt bisher.

Hätte ihn jemand aus Knesebeck geben können? Laut Ortsbürgermeister Kabrodt erzählt man sich im Ort von einer Frau, die sechs bis acht Wochen nach der Beisetzung am Grab des Babys gesehen worden sein soll. Die Unbekannte, die nicht aus Knesebeck kommen soll, war wohl auch mit dem Auto da – das Kennzeichen hat aber niemand notiert. Ob die Frau etwas mit dem Tod des Babys zu tun hat, ob sie nur Anteil nahm an einem Fall, der überregional für Aufsehen sorgte – man weiß es nicht.

Die Ermittlungen werden inzwischen von der Staatsanwaltschaft Hildesheim geführt. Der Vorwurf, dem sie dabei nachgeht, wiegt schwer: Totschlag. Das impliziert, dass das Kind nicht tot zur Welt kam.

Es gibt offenbar auch Erkenntnisse zu den Todesumständen, doch die behalten die Ermittler für sich: „Es könnte sich dabei um Täterwissen handeln“, verweist die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hildesheim, Christina Pannek auf ermittlungstaktische Gründe.

Was bleibt, ist also das Grab. „Irgendwer legt da immer mal was ab“, sagt Pastorin vom Brocke. Blumen, Kuscheltiere, Lichter seien als Ausdruck stiller Anteilnahme, die es nach wie vor gebe, schon dort geblieben. Jetzt, im Schnee, schmücken zwei Grablichter und ein paar weiße Engelsfiguren die Ruhestätte des Säuglings. Knesebeck soll für den toten Jungen mehr sein als ein zufälliger Ablageort, wenn es nach der Kirchengemeinde geht: „Wir behandeln das Grab, als läge dort jemand, der aus unserem Kreis verstorben ist“, sagt vom Brocke.

Am kommenden Sonnabend, 3. März, wird im Landkreis wieder Müll gesammelt. Natürlich auch in Knesebeck, um 8.45 Uhr ist unter der Ägide des Bündnisses „Wir für Knesebeck“ Treffen am Feuerwehrgerätehaus. Friedrich-Wilhelm Kirchhoff wird dieses Mal nicht dabei sein, das will er sich nicht antun: „Wenn ich wieder an die Stelle kommen würde, wäre das nicht so gut.“

Von Holger Boden

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