Tank statt Teller?

„Ich werde das Zeug nicht tanken“: Pastorin Meike Drude.

Wittingen. Spanien setzt auf Tempo 110, Deutschland auf E 10 – in Westeuropa läuft die Suche nach Möglichkeiten, Treibstoff zu sparen oder den gewohnten Sprit aus Mineralöl zu substituieren. Die Autobesitzer sagen „Nein, Danke“ zur neuen Ethanol-Beimischung. Das tut auch Wittingens Pastorin Meike Drude – doch sie ärgert sich, dass in der öffentlichen Diskussion vor allem die Angst um die Motoren im Vordergrund steht.

„Der Bio-Sprit E 10 darf nicht in die Tanks“, sagt Drude. „Nicht, weil er Motoren kaputt machen könnte – er muss sofort vom Markt genommen werden, weil die Pflanzen für den Kraftstoff in Drittweltländern angebaut werden, kostbarer Regenwald vernichtet wird und Menschen, die dort leben, die Lebensgrundlage entzogen wird.“

Drude ist es gewohnt, sich als Geistliche klar zu positionieren, wenn es um Umweltfragen geht. Das hat sie in der Gorlebener Endlager-Diskussion getan, das tut sie nun beim neuen Agro-Sprit. Wobei die E 10-Diskussion in ihren Augen vor allem eine ethische Dimension hat: Tank statt Teller. Weil in Europa ein Teil des Treibstoffs vom Acker kommen soll, droht Menschen in anderen Teilen der Welt bitterer Hunger.

Drude beruft sich auf Zahlen der Aktion „Rettet den Regenwald“. Demnach werde sich der Ethanolverbrauch in Deutschland durch E 10 auf etwa zwei Millionen Tonnen verdoppeln. Weil die heimischen Anbauflächen nicht ausreichen, muss importiert werden, damit die Beimischungsziele der EU erreicht werden.

Bereits jetzt importiere die EU pro Jahr 1,5 Millionen Tonnen Zuckerrohr-Ethanol. Angebaut werde der Rohstoff auf riesigen Monokulturen, Tendenz steigend. Tropenwälder und Savannen würden dafür gerodet, sagt Drude.

Ethanol wird auch aus Getreide, Mais und Zuckerrüben hergestellt – und hat damit unmittelbaren Einfluss auf den Weltmarkt für die Grundnahrungsmittel. Die werden durch verstärkte E 10-Produktion knapper und damit teurer. Die Weltbank rechne mit einem Preisanstieg von bis zu 75 Prozent, heißt es bei „Rettet den Regenwald“.

In Europa sei das ärgerlich, in Indien, Südamerika oder Afrika tödlich, meint Drude. Wenn die Lebensmittelpreise explodieren, dann könnten Millionen Menschen sich nicht mehr ausreichend versorgen. Die Anti-Armuts-Organisation Action Aid rechnet mit bis zu 600 Millionen Menschen zusätzlich in den nächsten Jahren, die Hunger leiden müssen. Eine Stellungnahme des Gifhorner Landvolks war gestern nicht zu bekommen.

Von Holger Boden

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare