Rivalitäten im Storchen-Revier?

Das Selbstbau-Nest in Glüsingen – und warum dort kein Nachwuchs schlüpft

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Da ist mal jemand zu Hause: Eine Hälfte des Glüsinger Storchenpaares hält im Nest auf der gekappten Eiche Ausschau. 

Glüsingen – „Ist doch nett hier, oder? Die Fulau ganz in der Nähe, die Ise nicht weit, da dürften überall reihenweise Frösche rumhüpfen. Und diese Autobahn, von der sie alle erzählen, sehe ich nicht. Lass mal hierbleiben . . .“

... – „Ja, bau Du schon mal das Nest, ich zieh noch mal los, erledige ein paar Formalitäten und komm’ dann später nach.“

So oder so ähnlich könnte das Gespräch verlaufen sein, als sich im Frühjahr ein Storchenpaar entschloss, in Glüsingen heimisch zu werden. Vielleicht war aber auch alles ganz anders. War der Erbauer möglicherweise ein handwerklich begabter Storchen-Junggeselle, der nun zum Opfer eines gerissenen Hausbesetzer-Pärchens geworden ist?

Hans Jürgen Behrmann, Weißstorchbetreuer

Direkt neben dem Gasthaus jedenfalls ist auf dem Stumpf einer alten Eiche ein Nest Marke Eigenbau entstanden, und wer mit dem Auto oder dem Fahrrad durch den Ort fährt, schaut immer mal wieder hoch, was sich da so tut. Derzeit tut sich öfters mal gar nichts, und das liegt daran, dass seine Bewohner häufig nicht zu Hause sind. „Sie besuchen nur unregelmäßig das Nest“, weiß Hans Jürgen Behrmann, der ehrenamtlich die Weißstörche in den Landkreisen Gifhorn und Celle betreut.

Damit ist eins schon mal klar: Storchennachwuchs ist in Glüsingen dieses Jahr nicht zu erwarten, denn die Bewohner des Nestes brüten nicht und werden damit jetzt, da schon Juni ist, auch nicht mehr anfangen. Behrmann nimmt an, dass es sich um ein noch junges Paar handelt. Familienplanung steht da wohl noch nicht im Vordergrund.

Auch die Sache mit der eigenen Immobilie lief nicht ganz reibungslos. Der Erstbezug war Anfang Mai, und Mitte Mai hatte Behrmann den Eindruck, dass das Glüsinger Pärchen von einem Einzelstorch vertrieben wurde – bei dem es sich eventuell um den eigentlichen Erbauer des Nestes handeln könnte. Jedenfalls war es wohl zunächst ein einzelner Storch, der im April das Nest fertigstellte, bevor er dann seine Partnerin mitbrachte.

Mögliches Potenzial für Konflikte, wie sie zu beobachten waren, sieht Behrmann auch in der Tatsache, dass nur knapp zwei Kilometer Luftlinie entfernt ein anderes Storchenpaar lebt. Auf dem Mast an der Wittinger Dammstraße werden zwei Junge großgezogen. Denkbar, dass bei der Nahrungssuche eine gewisse Revier-Rivalität mit den Glüsinger Nachbarn aufkommt. „Sonst sind üblicherweise ein paar Kilometer mehr zwischen den Nestern“, sagt Behrmann. Für den Weißstorchbetreuer lassen sich die Protagonisten der Storchenszene Wittingen-Glüsingen bislang nicht eindeutig identifizieren, da sie alle nicht beringt sind.

Dass auch in Zeiten, da vielerorts Nester auf Masten oder Schornsteinen zur Verfügung gestellt werden, ein Storch ein Nest selbst baut, sei nichts Ungewöhnliches, so Behrmann. Beispielsweise sei solches gerade auch in Leiferde beobachtet worden.

Im Wittinger Stadtgebiet sind vier weitere Nester belegt: In Vorhop sind nach vorläufigen Beobachtungen zwei Junge geschlüpft, in Radenbeck wohl auch, und in Knesebeck gibt es ein Junges. In Zasenbeck kam es schon um Ostern zum Brutabbruch, nachdem ein Störenfried-Storch das nistende Paar wiederholt attackiert hatte.

VON HOLGER BODEN

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