Politiker wollen nüchterne Debatte

Rote Punkte bei Wittingen: Zu viel Nitrat im oberen Grundwasserstock

Das Trinkwasser im Landkreis ist durch Nitrate aktuell nicht gefährdet. Kritiker fürchten, dass das nicht so bleibt, wenn die Nitratbelastung anhält.
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Das Trinkwasser im Landkreis ist durch Nitrate aktuell nicht gefährdet. Kritiker fürchten, dass das nicht so bleibt, wenn die Nitratbelastung anhält.
  • Holger Boden
    vonHolger Boden
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Wittingen – Kaum war das Messmobil von VSR-Gewässerschutz wieder abgereist, begann vor einigen Wochen eine emotionale Diskussion über Nitratwerte im Nordkreis-Grundwasser und die Frage, wer daran die Schuld trägt.

Und mancher vertrat die Auffassung, dass es doch gar kein Problem gebe.

Lässt sich das Ganze versachlichen?

Zwei Mitglieder des Wittinger Stadtrats, Andrea Harms (FWG) und Christian Schroeder (Grüne), wünschen sich eine nüchterne öffentliche Diskussion über belastetes Grundwasser und die Ursachen. Harms findet, dass sich ein Zusammenhang zwischen erhöhten Nitratwerten und Stickstoffemissionen aus zuviel Gülle nicht einfach beiseite wischen lasse. Wie Schroeder verweist auch sie darauf, dass es um Wege zur Verbesserung gehe und nicht darum, „mit dem Finger auf Einzelne zu zeigen“. Aber: Industrielle Massentierhaltung sei – anders als der privilegiert wirtschaftende Landwirtschaftsbetrieb – offenkundig das Problem. Stickstoffhaltige Ausscheidungen, etwa von Geflügel, und Gärreste aus Biogasanlagen zählen zu den Ursachen für Nitratbildung.

Rote Punkte bei Wittingen

Für die beiden Lokalpolitiker zählen vor allem die Fakten. Mit den „Umweltkarten Niedersachsen“ (eine Website des Umweltministeriums) kann jeder die Nitratbelastung von Grundwasssermessstellen nachvollziehen. Manche Punkte auf diesen Karten sind rot – das steht für eine besonders starke Belastung. Im Wittinger Stadtgebiet gibt es solche roten Punkte derzeit am Südrand von Wittingen, bei Ohrdorf, bei Radenbeck und bei Boitzenhagen.

Der Grenzwert für Trinkwasser beträgt 50 Milligramm pro Liter. Bei Ohrdorf liegt der aktuelle Jahresmittelwert bei 117 mg/l, bei Radenbeck sind es 121 („Tendenz signifikant steigend“). Gemessen wird jeweils im oberen Grundwasserstock. Schroeder wundert sich, dass aus der Politik wie auch vom Wasserverband Gifhorn eher verhaltene Reaktionen auf die Situation kommen.

Wasserverband-Geschäftsführer Andreas Schmidt widerspricht derweil dem Eindruck, der Verband schaue bei der Entwicklung der Nitratwerte nur zu: Die Ergebnisse des VSR deckten sich weitgehend mit den Messergebnissen des Wasserverbandes und seien insofern nichts Neues: „Der Verband verfolgt diese Entwicklung seit Jahren und unternimmt gemeinsam mit der Landwirtschaft große Anstrengungen, die Belastung zu reduzieren.“

Wasserverband sieht es nicht entspannt

Schmidt betont: Auch wenn im unteren Stockwerk – dort, wo das Grundwasser gefördert wird – noch keine erhöhten Werte festgestellt werden, heiße das nicht, dass die Lage entspannt gesehen wird: „Um eine Verbesserung der Situation zu erreichen, wurde bereits vor Jahren eine Kooperation zwischen Wasserverband und Landwirtschaft gegründet, mit dem Ziel, durch zusätzliche gezielte Beratung und geeignete Fördermaßnahmen zu einer grundwasserschonenderen Bewirtschaftung zu kommen.“ Das Ziel seien 50 mg/l oder weniger.

Dar Trinkwasser wird aus 50 bis 120 Metern Tiefe aus dem zweiten Grundwasserstock gefördert. Der Bereich sei bisher nicht von steigenden Nitratwerten betroffen, so Schmidt. Ein akutes Problem für die Trinkwasserversorgung gebe es mithin nicht. Schroeder fürchtet hingegen, dass das möglicherweise nur eine Frage der Zeit sein wird: „Wir hinterlassen den nächsten Generationen ein großes Problem.“

Für den Wasserverband sei eine konkrete Zuordnung der Messergebnisse zu Verursachern nicht möglich, sagt Schmidt „Ich halte es für zu undifferenziert, die Schuld entweder der Landwirtschaft oder den Grundstückseigentümern mit ihren Vorgärten oder Altlasten zuzuschieben.“ Aspekte wie die Lage der Messstelle, die Entnahmetiefe, Probenahme- und Analysequalität seien von entscheidender Bedeutung.

Harms betont unterdessen mit Verweis auf entsprechende publizierte Äußerungen aus dem Landwirtschaftsministerium: „Der Zusammenhang von Gülle und Nitratbelastung kommt nicht von mir und nicht vom VSR, sondern von der Landesregierung selbst.“ Und Schroeder übt Selbstkritik: „Wir Grünen hätten schon ein Moratorium für neue Hähnchenmastanlagen fordern müssen – das müssen wir uns vorwerfen.“

VON HOLGER BODEN

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