Rettung durch Regio-Stadtbahn?

Wittingen - Von Holger Boden. Wittingen war mal kurz der Nabel der norddeutschen Eisenbahnwelt. Zum 150-jährigen Jubiläum der ersten Fahrt einer deutschen Dampflok zwischen Nürnberg und Fürth war die Brauereistadt Schauplatz eines Dampflokfestivals mit zirka 40 000 Besuchern.

Heute, 25 Jahre später, zum 175-jährigen Eisenbahnjubiläum, würde man wohl kaum eine derart große Zahl von Menschen auf das Wittinger Bahnhofsgelände einladen – die Stadt würde dort keinen guten Eindruck machen.

Nach wie vor bietet vor allem der Bahnhof Wittingen-West einen traurigen Anblick. Hier enden die Gleise der OHE, für die Verbesserungen des Status quo seit Jahren offensichtlich kein Thema sind, wie auch mehrere IK-Anfragen in den letzten Jahren ergeben haben (das IK berichtete). Entlang der Schienen dominieren Sträucher und Unkraut, die Gebäude verfallen zusehends. Ein Schuppen mit teilweise eingefallenem Dach profitiert derzeit davon, dass man aufgrund der sommerlichen Vegetation nicht so viel von ihm sieht.

„Eigentum verpflichtet“, findet Stadtbürgermeister Karl Ridder, der der OHE nach eigenem Bekunden wiederholt den Wunsch nach einem schöneren Bahnhofsgelände vorgetragen hat – bisher erfolglos. Abhilfe dürfte, zumindest kurzfristig, auch weiterhin kein Thema sein, denn nach der Übernahme des OHE-Mutterkonzerns Arriva durch die Deutsche Bahn dürfte es – so glaubt auch Ridder – bei dem Celler Unternehmen andere Prioritäten geben. Zumal eine Reaktivierung der Strecke nach Radenbeck/Rühen zurzeit nicht auf der Agenda steht. Die Unternehmensführung war für eine entsprechende Anfrage gestern nicht erreichbar.

Manchmal rollt auf den OHE-Schienen auch der Heideexpress nach Wittingen. Dass am entsprechenden Gleis noch der Fahrplan von 2008 hängt, passt zum Gesamtzustand der Anlage.

Dagegen soll das nur einen Steinwurf entfernte DB-Gleis eigentlich mit einem ganz modernen Fahrgast-Informationssystem ausgestattet werden. Neue Anlagen für Durchsagen, der Neubau dynamischer Schriftanzeiger sowie die Nachrüstung oder der Austausch von Infotafeln gehören zu dem Arbeitspaket, das die Deutsche Bahn im April 2009 für eine Reihe von Bahnhöfen verkündete, zu denen auch Wittingen gehörte. Die Gelder dafür sind Teil des Konjunkturprogramms.

Passiert ist bisher nichts, nach Auskunft der Deutschen Bahn von gestern sollen die Arbeiten im 3. Quartal 2011 über die Bühne gehen.

Alte Zugzielanzeiger stören manchen Bahnkunden allerdings möglicherweise gar nicht mal so sehr wie die immer größer werdenden Bäume und Sträucher, die inzwischen auf einem Teil der DB-Gleisanlagen stehen – dort, wo vor 25 Jahren noch stolze Dampfloks nebeneinander paradierten.

Besser wird es vielleicht mit der Regio-Stadtbahn. Auch Ridder hofft, dass sich dann die Bahnanlagen einladender präsentieren. Im Rahmen der Kofinanzierung ist die Stadt mit insgesamt 300 000 Euro für bauliche Maßnahmen dabei. Die erste Rate in Höhe von 100 000 Euro steht seit Jahren im Etat, ist aber noch nie abgerufen worden.

Sie wird wohl auch so schnell noch nicht gebraucht. „Wenn alles planmäßig läuft, gibt es vielleicht 2012 die ersten Baumaßnahmen“, sagt Hennig Brandes, Verbandsdirektor des Zweckverbands Großraum Braunschweig. Zurzeit laufe die technisch-wirtschaftliche Prüfung des Vorhabens.

Nach derzeitigem Planungsstand wird die Regio-Stadtbahn nicht vor Dezember 2014 rollen. Vielleicht kehrt mit dem heiß erwarteten Schienenprojekt, das Wittingen mit modernen Zügen im Stundentakt mit Braunschweig und dem Harz verbinden soll, ja tatsächlich eine etwas prestigeträchtigere Atmosphäre auf dem Bahnhofsgelände ein. Und vielleicht kann man dann ja später das 200-jährige Bahnjubiläum mal wieder in Wittingen feiern.

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