„Projekte ganz anders angehen als bisher“

Die Wittinger Bürgermeisterkandidaten im IK-Interview – Heute: Alexander Freise (parteilos)

Wittingen – Wittingen wählt am 26. Mai einen neuen Stadtbürgermeister. Die fünf Kandidaten sprechen diese Woche im großen IK-Interview über ihre Ziele. Heute ist Alexander Freise (parteilos) aus Boitzenhagen an der Reihe. Das Gespräch führte Holger Boden.

Herr Freise, warum möchten Sie als selbstständiger Projekt- und IT-Manager an die Spitze des Wittinger Rathauses?

Alexander Freise will als parteiloser Bewerber unternehmerisches Know how in die Rathausarbeit einbringen.

Wir brauchen jemanden von außen, der die Dinge nach vorn treibt und strukturiert. Ich denke, wir sollten in Wittingen zu einer sachorientierten Politik zurückfinden. Der oft bestehende Eindruck, dass Politik für Interessengruppen gemacht wird, darf nicht bestehen.

IK-INTERVIEW

Warum gehen Sie parteilos ins Rennen?

Das ist für mich ganz klar und wird mir in Gesprächen mit Bürgern immer wieder bestätigt: Wir brauchen jemanden, der über den Tellerrand blickt und das Amt neutral ausübt. Und der es schafft, ohne Vergangenheit die Player wieder an einen Tisch zu holen. Ich glaube auch, als Teil einer Partei müsste ich viel Zeit für parteiinterne Angelegenheiten aufwenden. Die Zeit lässt sich besser nutzen.

Gibt es eine Partei, der Sie sich am nächsten fühlen?

Ich habe bei Wahlen immer meine Kreuze bei der Partei gemacht, die ich jeweils als das geringste Übel empfunden habe.

Glauben Sie, das Rathaus kann von Ihren Erfahrungen als Unternehmer lernen?

Man kann nicht alles mit neuen Methoden revolutionieren, aber einige Bereiche schon. Mir schwebt eine Verwaltung vor, die schneller, moderner, flexibler agiert, mit motivierten, schlagkräftigen Teams. Man muss auch mal Fehler machen dürfen. Und wir sollten mehr Speed draufkriegen auf die Abläufe – wobei eine höhere Effizienz ganz und gar nicht bedeuten muss, dass die Belastung der Mitarbeiter einseitig gesteigert wird.

Welche Aufgabe halten Sie in den kommenden Jahren für die wichtigste?

Die Wirtschaft fördern, Wohnraum schaffen, die Infrastruktur so gut wie möglich gestalten – das hängt alles zusammen, und wenn das funktioniert, kommt alles andere fast von allein. Ich möchte aber auch, dass wir Projekte ganz anders angehen als bisher. Wenn ich lese, dass bei einem für Gewerbe ausgewiesenen Grundstück im Hafen plötzlich der Artenschutz geprüft werden muss, dann muss ich sagen: So etwas geht nicht. Das macht mich sprachlos. Bei allem, was ich politisch vorhabe, muss ich aber immer darauf verweisen: Auch der Bürgermeister hat nur eine Stimme. Ich möchte also nicht zu viel versprechen, denn ich möchte meine Versprechen auch einhalten.

Welche Ziele haben Sie für den Hafen?

Jedes Projekt, auch im Hafen, sollten wir daraufhin prüfen, ob es wirtschaftlich sinnvoll ist. Ich bin kein Gegner des Hafenausbaus, möchte aber Ansätze, die mitunter zehn Jahre oder älter sind, in Frage stellen. Die Welt wandelt sich. Vorhandene Kapazitäten, etwa beim Umschlag, sollten wir erst ausnutzen, bevor wir sie erhöhen. Projekte sollten wir in Häppchen realisieren und darauf achten, dass jeder einzelne Schritt schon seinen Nutzen hat. Das ist für mich verantwortungsvoller Umgang mit Steuergeld. Und wir sollten uns unbedingt stets mit der Wirtschaft zusammensetzen, bevor wir alleine Geld in die Hand nehmen.

Welche Aufgaben hat die Stadt in Sachen A 39?

Die Stadt muss sich für Lärmschutz stark machen. Dass es keinen geben soll, ist für mich nicht nachvollziehbar. Ein betroffener Ortsvorsteher und seine Bürger können dabei auf mich zählen. Und wir müssen uns für richtigen Lärmschutz einsetzen, kein Flickwerk. Was den künftigen Verkehr in und um Wittingen angeht, sollten wir zunächst beobachten, welche Ausmaße das annimmt – und vorher sollten wir einen Plan haben, was wir tun können. Wenn wir dann zu dem Schluss kommen, dass die Belastung nicht vertretbar und eine Ortsumgehung unabdingbar ist, machen wir die Schublade auf und handeln.

Wo stehen Sie in der Frage nach dem Neubau von Hähnchenmast-Ställen?

Ich sehe Neubauten für die Massentierhaltung grundsätzlich kritisch. Ich möchte aber auch mit den Landwirten sprechen, bevor ich mir eine abschließende Meinung bilde. Das ist auf jeden Fall ein Thema, an das wir mit Bedacht herangehen sollten.

Wie begeistern Sie junge Leute für Wittingen?

Da sind wir wieder beim Thema Infrastruktur. Die müssen wir auf einem hohen Level halten. Wir müssen unsere Schwächen abbauen und mit unseren Stärken werben – dann kommen die jungen Menschen von allein. Digitale Arbeitsplätze können helfen, aber das wollen alle Kommunen. Da stehen wir in einem Wettbewerb.

Was muss Ihrer Ansicht nach für die Wittinger Innenstadt getan werden?

Warum gibt es da eigentlich kein Geschäft oder kleines Zentrum, das die Erzeugnisse von Landwirten aus der Region verkauft? So etwas könnte ein Magnet sein, ein Frequenzbringer. Und wir sollten dahingehend wirken, dass das Internet von der Wittinger Geschäftswelt als Freund erkannt wird, nicht als Feind – die Geschäfte sollten es für ihre Zwecke nutzen. Generell halte ich nichts von Förderung der Läden nach dem Gießkannenprinzip, wir sollten lieber individuell schauen, was fehlt und wer Hilfe braucht. Mit punktueller Förderung lassen sich sicher auch einzelne Unternehmen motivieren, hier zu investieren. Und ich sehe viele weitere kleine und große Bausteine für die Förderung der Innenstadt. So würde ich einen Wohnmobil-Stellplatz dichter an der Altstadt platzieren. Von der Spörkenstraße ist es ein ziemlicher Weg, wenn die Besucher die Altstadt erkunden wollen.

Wie wollen Sie die bisher schwierige Bauland-Entwicklung im Wittinger Stadtgebiet beleben?

Ich bin erschüttert, dass die Situation ist, wie sie ist. Wir müssen dringend attraktives, bezahlbares Bauland schaffen. Junge Menschen möchten nicht immer in einen Altbau ziehen. Freilich können wir auch Lücken schließen und alte Substanz attraktiv herrichten, das schließt sich nicht aus. Aber ich sage auch: Wenn jemand ein sogenanntes Enkelgrundstück behalten und nicht bebauen möchte, dann muss auch das erlaubt sein.

Ein besonderes Augenmerk wollen Sie auch auf die Frage der Verkehrssicherheit werfen, wenn Sie gewählt werden.

Ja. Warum gibt es in Wittingen keinen Blitzer? Hat man Angst um die freie Fahrt für freie Bürger? Ich denke, wer ein Auto lenkt, muss Rücksicht nehmen und hat große Verantwortung. Da darf man auch mal durchsetzen, dass an bestimmten Stellen nicht gerast wird. Und wenn die Menschen nach Verkehrsberuhigung rufen, dann sollte man das ernst nehmen und sich damit auch befassen. ‘Geht nicht’ gibt’s da erst einmal nicht.

Mit welchem Gefühl gehen Sie in die Wahl?

Ich fühle mich mit zunehmender Dauer des Wahlkampfes, in dem ich viele Gespräche führe, immer mehr verstanden – auch bei Parteiwählern. Ich spüre einen gewissen Ruck. Wir müssen etwas verändern, egal, welcher Kandidat das Rennen macht.

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