„Keiner will eine Überdüngung“

Nitrat-Diskussion: Landwirtschaft fühlt sich zu pauschal kritisiert

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Hermann Lahmann (r.) und Georg von Campen finden, dass über Landwirte in der Nitrat-Diskussion zu pauschal geurteilt wird. 

Erpensen – Niedersachsen diskutiert über Grundwasserschutz, rote Gebiete, Düngung und Nitratwerte. Und der Nordkreis diskutiert mit, nicht zuletzt, weil Kritiker eine Zunahme der Nitratbelastung durch Mastanlagen fürchten.

Landwirte fühlen sich in dieser Situation in Sippenhaft genommen – die Debatte kommt auf den Höfen nicht gut an. „Keiner von uns hat ein Interesse an einer Überdüngung seiner Felder“, sagt der Erpensener Landwirt Hermann Lahmann. „Wir wollen bedarfsgerecht düngen. Darauf achten wir auf unserem Hof, so lange ich denken kann.“

Ein Hauptkritikpunkt der Landwirte: Erst 2017 wurde eine neue Düngeverordnung erlassen, nun sollen neue Anforderungen nachgeschoben werden. „Dabei sind die Resultate der neuen Regeln von 2017 noch gar nicht wirklich ausgewertet“, moniert Georg von Campen, Berater bei der Landberatung Gifhorn-Wolfsburg.

Eine der Kernaussagen von 2017: Der Düngebedarf pro Hektar, in Abhängigkeit diverser Standortfaktoren, muss genau ermittelt werden. Ab 2020 muss der Landwirt die Zahlen vorab einreichen, bisher reichte es, wenn er darüber Buch führte. Die Regeln sollen eine Kontrolle der Ausbringung von Nährstoffen gewährleisten.

„Die Landwirte sind da absolut kooperativ“, versichert Lahmann. Die aktuelle „emotional geführte Debatte“ dürfe nicht „immer nur zu unseren Lasten gehen“. Wenn nun zum Beispiel angedacht sei, dass auf Äckern in roten Zonen um 20 Prozent unter dem eigentlichen Bedarf gedüngt werden soll, dann resultiere das in Mindererträgen und schlechteren Qualitäten der Feldfrüchte. „Dann ist der Backweizen kein Backweizen mehr.“

Zu den Maßnahmen, die die Landwirte laut Lahmann schon jetzt vornehmen, um den Nitrat-Eintrag ins Erdreich zu minimieren, gehört der Anbau von Zwischenfrüchten. Die sollen unverbrauchten Stickstoff binden und so eine Auswaschung verhindern. Im Frühjahr werden sie dann als organischer Dünger untergepflügt. Lahmann: „Das Ziel ist es, die Nährstoffe möglichst gut zu nutzen und möglichst wenig Dünger einzusetzen.“

„Wir peilen einen möglichst geringen Einsatz von Dünger an.“

Hermann Lahmann, Landwirt

Lahmann und von Campen betonen, dass die Nitratkonzentration im Boden von vielen Faktoren abhängen kann. Das Wetter spiele eine große Rolle – ist es etwa trocken und kalt, dann ist die Nitratbildung durch Bakterien reduziert. Starkes Umwälzen des Bodens wiederum könne die Umwandlung fördern.

Beim Düngen stellen sich den Landwirten zwei grundsätzliche Alternativen: organischer Dünger (Biogas-Substrat, Gülle, Mist) oder Mineraldünger. Für die hiesigen sandigen Böden, so Lahmann, sei organischer Dünger gut geeignet. Den habe man jahrzehntelang importiert, aus den Niederlanden oder dem westlichen Niedersachsen. Da sei es ein Fortschritt, wenn das Substrat in Biogasanlagen vor Ort hergestellt werden kann.

Kritiker fürchten ein „Zuviel“ an diesen Stoffen auf den Äckern der Region und sehen deshalb die Kombination aus Maststall und Biogasanlage mit Argwohn. Dazu meint Lahmann, dass von einem Übermaß an tierischen Ausscheidungen, die dann als Dünger auf dem Acker landen, im Nordkreis eigentlich bisher keine Rede sein könne. Der Erpensener verweist dazu auf die Statistik: Wie viele Tiere es in einem Gebiet gibt, das wird in Großvieh-Einheiten pro Hektar gemessen. Die aktuellsten Zahlen (2016) wiesen für die Region einen Wert von 0,5 bis 1 aus, im Wittinger Raum sogar unter 0,5. Bei Cloppenburg oder Vechta lägen die Werte um mehr als das Vierfache darüber. Bundesweit lag der Wert zuletzt bei 1,1. Eine Kuh schlägt dabei ungefähr als 1 Großvieh-Einheit zu Buche, ein Mastschwein hat einen GV-Wert von 0,13, ein Masthähnchen kommt auf 0,0015.

Mit Blick auf die Grundwasser-Diskussion verweist von Campen darauf, dass in den tiefen Schichten, aus denen das Wasser gefördert wird, bisher nur unbedenkliche Nitratwerte gemessen werden. Die erhöhten Werte gälten ausnahmslos in oberen Schichten. Die Frage sei auch, ob die Landwirtschaft allein für hohe Nitratwerte verantwortlich sei – solche seien schließlich auch im unbewirtschafteten Drömling oder unter einem Waldstück gemessen worden, und keiner wisse genau, warum. Zudem müsse man vielleicht auch undichte Kanalisation als Quelle in Betracht ziehen.

VON HOLGER BODEN

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