LaLeLu begeistern als musikalische Trendforscher 1350 Zuschauer in Wittingen

Das musste jetzt mal sein

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„Griechischer Wein“ trifft „Hinter dem Horizont“: Udo Lindenberg (Jan Melzer) und Udo Jürgens (Frank Valet) holten ihre Klassiker aus der Truhe.

Wittingen. Dass vor ihnen keine Musikrichtung sicher ist, das ist bei den vier A-cappella-Künstlern von LaLeLu ja seit mehr als 20 Jahren so eine Art Megatrend.

Jetzt haben sie auch die altehrwürdige Oper gekapert – und am Wochenende bogen sich nicht nur deshalb drei mal 450 Zuschauer in Wittingen vor Lachen. Das Hamburger Ensemble bescherte den Kulturvereinen Wittingen und Hankensbüttel von Freitag bis Sonntag eine jeweils ausverkaufte Stadthalle.

Sanna Nyman als Freddie – und Jan Melzer als „Gitarrist“ Brian May beim Queen-Medley.

Vorweg einmal: Das Quartett auf seinen stetig quellenden Humor zu reduzieren, wäre reichlich unfair. So ließ sich auch bei diesem Gastspiel im Rahmen der trendforschenden „Muss das sein?“-Tour leicht übersehen und -hören, dass da kein einziges Instrument auf der Bühne stand. Die Comedy-Band changierte mit ihren Vokal-Künsten scheinbar mühelos zwischen Pop, Schlager, Ethno, NDW-Elektronik und Lautmalerei. Und das Publikum durfte staunen, wie die vier Stimmen sogar ein beeindruckendes Klangfundament für eine Tour de Force durch das „Best of“ der Bombastrocker Queen hinlegten – während Sängerin Sanna Nyman als Freddie-Mercury-Verkörperung über die Bühne stolzierte.

Bringt beim Tierarzt Schwung ins Wartezimmer: Schwester Sanna.

Apropos, die Nacht in der Oper: Weil ja der Internet-Mensch von heute nur noch eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne hat (Trend!), haben LaLeLu kurzerhand mal eine 7-Minuten-Oper geschrieben. „Mit allem Pipapo“, wie der ehemalige Hankensbütteler Tobias Hanf ankündigte, bevor er wenig später singend auf einem viel zu kleinen Spielzeugpferd in die improvisierte Mittelalter-Szenerie „geritten“ kam. Logistisches Understatement als bewährtes Mittel der Komik, dafür dann aber volles Ballett beim dramatischen Ende, als – Hamlet lässt grüßen – auf der Bühne jeder das Zeitliche segnet. Im Publikum hingegen überleben alle ihren Lachanfall.

Drei ausverkaufte Abende: Das Publikum in der Stadthalle – hier am Samstag – war von LaLeLu begeistert.

Noch mehr Trends? „Sing meinen Song“ ist so einer, und LaLeLu ließen in Wittingen zwei ganz Große des deutschsprachigen Gesangs auftreten: Während Jan Melzer einen umwerfend nuschelnden Udo Lindenberg gab, hatte sich Frank Valet in einen weißen Udo-Jürgens-Bademantel geworfen und ließ das markant phrasierte „r“ des 2014 verstorbenen Österreichers hören. Und Udo L. ging „noch nie durch Gannerwinkel in zerrissenen Jeans“...

Dann war da noch die Fahrt im eigentlich lautlosen E-Auto, die die vier Vokal-Artisten mit den Geräuschen von Erkältung (Klimaanlage!), vorbeifahrenden Zügen und Fahrzeughupen garnierten. Verschwörungstheorien wurden im Trio-Takt („Da da da“) besungen, und den Zuschauern wurden die Augen geöffnet, in wie vielen Hits der Popgeschichte es in Wirklichkeit um Hunde und die Sehnsüchte ihrer Besitzer geht. „In the Ghetto“ wird da schon mal zu „Hier im Tierheim“.

Wenn man so will, kamen hier dann doch mal Instrumente ins A-cappella-Spiel: Die Schellen waren aber nicht die Hauptattraktion beim Bauchtanz – eine Kunst, für die LaLeLu eigens Unterricht genommen hatten.

Mitunter hatten die Lachmuskeln auch mal Pause, etwa bei einem wunderschönen, ironiefreien Stück aus Sanna Nymans Heimatland Finnland. Aus der Heimat von Tobias Hanf gab es bei dessen Heimspiel freilich auch etwas zu hören: So kommt es, wie Jan Melzer zu berichten wusste, auf den Bühnen bundesweit total gut an, dass er, Hanf, „im Hankensbütteler Otter-Zentrum geboren“ sei. Der aus dem Luftkurort stammende LaLeLu-Bass („Ihr seid ein großartiges Publikum“) begeisterte mit einer verblüffenden Parodie-Parade, bei der Jogi Löw, Merkel, Seehofer, Bohlen, Maffay und Ex-Kanzler Schröder zu Wort kamen und Rainer Calmund das „Essen“ zum Trend erheben durfte.

Und Hanf hatte mit opulenter Afro-Perücke auch einen umjubelten Auftritt als afrikanischer „Feldforscher“, der in Europa den weißen Mann („Musungu“) studiert. Mit Blick auf dessen Arbeitsstress und mangelnde Entspannung reimte er: „Ich will ja nicht rassistisch sein, aber Musungu ist ein armes Schwein.“ Na, da war es ja gut, dass in der Stadthalle alle mal für knapp drei Stunden Zerstreuung fanden.

Von Holger Boden

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