Salzstock bei Wittingen: Welche Rolle Waddekath in der Endlager-Diskussion spielt

„Mitfavorit“ an der Landesgrenze?

Auf dieser erst kürzlich von der Deutschen Presse-Agentur verbreiteten Karte (Quelle: BGR) wird der Salzstock Waddekath als eine von vier möglichen Alternativen zu Gorleben gezeigt.

Wittingen/Waddekath. Deutschland sucht das Endlager – und dabei erweist sich die Gorleben-Diskussion als Kontroverse mit unglaublich langer Halbwertzeit.

Immer wieder mal, wenn in dieser Endlos-Debatte über mögliche Alternativen gesprochen wird, kommt eine Landkarte auf den Tisch, auf der neben ein paar anderen Standorten auch ein Dorf in der Nachbarschaft Wittingens eingezeichnet ist: Waddekath. Ein Endlager mit hochradioaktivem Material nur vier Kilometer von der Brauereistadt entfernt? Was ist dran an dieser Variante? Das IK hat sich auf Spurensuche begeben.

Der erste Weg führt dabei zu Kerstin Schmeiß. Die Frau aus Waddekath engagiert sich heute für die Wittinger Tafel, vor knapp eineinhalb Jahrzehnten ging sie auf die Straße. Gegen ein Endlager unter ihrem Wohnort. Schmeiß war die Chefin der BI Waddekath, die Ende 1995, Anfang 1996 gegen eine atomare Müllkippe an der Landesgrenze mobil machte.

Die Nachricht, die den Wirbel auslöste, hatte am 21. Oktober 1995 im Isenhagener Kreisblatt gestanden. Der Waddekather Salzstock, so hieß es, könne eine Option sein, falls Gorleben verworfen wird. In den folgenden Wochen und Monaten kam es zu Demonstrationen, mal mit 200, mal mit 500 Leuten. Im Januar 1996 zogen sogar 700 Menschen durch Wittingen und schwenkten auf dem Gänsemarkt Transparente, Atomkraftgegner aus der Altmark und dem Isenhagener Land übten den Schulterschluss, Sachsen-Anhalts damalige Umweltministerin Heidrun Heidecke forderte bei der Kundgebung den Ausstieg aus der Atomenergie.

Der Staub legte sich vergleichsweise schnell wieder. Gorleben blieb in den Schlagzeilen, Waddekath verkam scheinbar zur Randnotiz – blieb aber auf den Karten der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR).

„Ach, das war mal wieder in der Zeitung?“, fragt Schmeiß beim Treffen in Waddekath zurück. Sie hat seit längerem nichts mehr zu dem Thema gehört. „Die wären schnell alle wieder zusammen“, ist sie überzeugt – und meint damit die Demonstranten, die 1996 mobilisiert wurden.

Schmeiß wohnt am nördlichen Ortsrand und zeigt noch ein Stück weiter nach Norden, als sie sagt: „Da war man damals am Bohren.“ Einige hundert Meter außerhalb des Ortes liegt eine ehemalige Schuttkuhle, dort will sie mal Untersuchungen registriert haben. Vom BGR heißt es dagegen: Felduntersuchungen habe man nicht vorgenommen.

Den Salzstock hat man sich als ovale Struktur vorzustellen, die, langgestreckt von Nord nach Süd, weitgehend vollständig auf sachsen-anhaltinischer Seite liegt und nördlich in etwa bis Höddelsen reicht. Die Längsausdehnung beträgt 7,5 Kilometer, die Breite 2,2 Kilometer. Die Salzstockoberfläche liegt laut BGR etwa 300 Meter unter Normalnull und fällt zum Rand des Salzstocks auf bis zu 600 Meter unter Normalnull ab. Die Basis des Salzstocks liegt in 3500 Metern Tiefe.

„In der Zeitung“, wie Schmeiß sagt, war Waddekath seinerzeit, weil die BGR 1995 die rund 450 Salzlagerstätten Norddeutschlands auf ihre Endlager-Eignung untersucht hatte („Salzstudie“). Diese Studie wurde in einem Schreiben des Bundesumweltministeriums an die Stadt Wittingen damals als „Vorsorgemaßnahme“ bezeichnet, für den Fall, dass Gorleben sich als ungeeignet erweise. Auch ein Salzstock direkt unter Wittingen wurde in dieser Untersuchung bewertet – und als „nicht geeignet“ eingestuft.

Diesen Vermerk bekam Waddekath jedoch nicht, der Standort galt, neben drei anderen Salzstöcken, als Kandidat für ein näheres Hinsehen. Vielleicht auch, weil die Landschaft darüber nur zu 1,2 Prozent durch „dichte Bebauung“ geprägt ist. Die BGR ließ dann zum Jahreswechsel 1995/96 allerdings gegenüber der Stadt Wittingen durchblicken, dass sie eher auf eine weitere Erkundung von Gorleben setze.

„Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe hat den Salzstock ,Waddekath’ seit 1995 nicht neu bewertet“, schreibt BGR-Sprecher Andreas Beuge auf unsere Anfrage. Das IK wollte wissen, ob Waddekath gleichsam „Mitfavorit“ ist, falls Gorleben aufgegeben wird. Dazu Beuge: „In dem zur Zeit vorbereiteten ,Endlagersuchgesetz’ der Bundesregierung sollen die Entscheidungsprozesse und Entscheidungsgrundlagen erst noch festgelegt werden. Ob ,Waddekath’ bei einer Endlagerstandortsuche ,Mitfavorit’ sein wird, ist deshalb offen.“

Die Einschätzung des Magdeburger Umweltministeriums lässt ein wenig durchblicken, dass man solch ein Endlager natürlich nur ungern in Sachsen-Anhalt hätte: „Unserer Auffassung nach bietet sich Waddekath, verglichen mit anderen Salzstöcken, aufgrund seiner offensichtlichen geringen räumlichen Ausdehnung nicht als ,Mitfavorit’ an, andere Lagerstätten sind da deutlich besser geeignet“, schreibt Sprecher Detlef Thiel.

Die westlichen Anrainer sind seit der Aufregung in den 90er Jahren nicht mehr mit dem Thema konfrontiert worden. „In meiner Amtszeit gab es da nichts“, sagt Wittingens Stadtbürgermeister Karl Ridder, Rathauschef seit 2002. Auch aus dem Umweltamt des Landkreises heißt es, die Gifhorner Behörde sei bislang in kein Verfahren irgendeiner Art zu einem möglichen Standort Waddekath eingebunden.

Still ruht also der Salzstock. Doch vielleicht ändert sich das bald. Der neue Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU), der heute die Asse besucht, will in der Endlagerfrage Tempo machen. Auch die EU-Kommission will bald einen Fahrplan sehen.

Das Umweltressort der Bundesregierung, damals noch in Bonn, wurde zur Zeit der „Salzstudie“ übrigens von einer Frau geleitet, die heute noch höhere Entscheidungsgewalt hat: Sie ist jetzt Bundeskanzlerin.

Von Holger Boden

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