Was einmal war

Marmelade für West-Berlin: Wie Stöcken vor 70 Jahren einen Beitrag zur Luftbrücke lieferte

Eine undatierte Aufnahme der Stöckener Flockenfabrik. Repro: W. Thoms
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Eine undatierte Aufnahme der Stöckener Flockenfabrik.

Stöcken. Dezember 1948. Über dem östlichen Niedersachsen ist täglich das Dröhnen großer zwei- und viermotoriger Flugzeuge zu hören.

Wolfgang Thoms mit seinem Buch vor seinem Wohnhaus, das einmal die Stöckener Flockenfabrik war. Foto: Boden

Seit gut sechs Monaten steht die Luftbrücke für das von den Sowjets abgeriegelte West-Berlin, und einen beachtlichen Teil der Güter fliegen Briten und Amerikaner von Celle und Faßberg aus in die Stadt, auf die die Welt schaut. Ein Beitrag für die Versorgung der Eingeschlossenen kommt dabei auch aus Stöcken. Genau 70 Jahre ist das jetzt her. Wolfgang Thoms lebte damals nicht in Stöcken, doch heute wohnt er in einem Gebäude, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Kartoffelflocken-Fabrik gebaut wurde. Viele Geschichten und Anekdoten aus dem Ort hat er aufgeschrieben, in seinen Erinnerungen „Die Flockenfabrik und die Stasi“ (Axon-Verlag, 2013) geht es auch um jenen geschichtsträchtigen Produktionsort.

Das Schicksal der Flockenfabrik wendete sich mitten im Zweiten Weltkrieg. Von Landwirten aus Stöcken, Lüben und Gannerwinkel 1908 als GmbH gegründet, ging das Unternehmen 1943 an die Rübenverwertungsgesellschaft Ebberecht & Co. aus Hamburg. Und die Zuckerrüben lieferten dann den Grundstoff für die Herstellung von Marmelade und Sirup. Während die Rüben aus der Region stammten, wurden Farbstoffe und die übrigen Zusätze aus Hamburg angeliefert. Laut Thoms wurde außerdem auch „Maggi“ hergestellt.

Zur Zeit der Berlin-Blockade wurde dann „vorwiegend für die Luftbrücke produziert“, weiß Thoms. Die Flugzeuge versorgten West-Berlin bis September 1949 mit Lebensmitteln, Energieträgern, Medikamenten, Baustoffen und vielem mehr. Das Ende der Luftbrücke fand ohne Stöckener Marmelade statt – die Firma Ebberecht meldete im Juni 1949 Konkurs an.

Möglich, dass im Sommer nächsten Jahres über der Region wieder „Rosinenbomber“ zu hören sind: Aus der ganzen Welt werden im Juni rund 40 historische Flugzeuge nach Berlin zurückkehren, um an die große humanitäre Hilfsaktion vor 70 Jahren zu erinnern.

Auch Faßberg, 42 Kilometer von Wittingen entfernt und 1948/49 Verladeflugplatz der Kohle für West-Berlin, feiert das Luftbrücken-Gedenken am 15. Juni des kommenden Jahres mit einem „Tag der Bundeswehr“. Auf dem Fliegerhorst werden dann mehr als 200 historische Flug- und Fahrzeuge aus der Luftbrückenzeit erwartet.

Wer vorher einen plastischen Einblick in das Thema bekommen will, kann das ab dem 6. April wieder in Faßberg tun. Dann öffnet dort das Luftbrückenmuseum nach der Winterpause wieder seine Tore.

Von Holger Boden

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