Wie die „Stillung des Sturms“ vor dem Untergang bewahrt wurde

Lübener Kapelle: Rettung vor dem Wasser

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Freuen sich über die gelungene Wiederherstellung des Lübener Wandbildes: Ortsvorsteher Hans-Joachim Niemann (v.l.), Restauratorin Carla Leupold-Belter, Ute Benecke vom Wittinger Bauamt und Weber-Kennerin Ira Tolstichin.
  • Holger Boden
    VonHolger Boden
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Lüben. Die Wellen scheinen zu züngeln wie Schlangen, das Boot hat Schieflage, alles ist dunkel, die Jünger sind verängstigt – doch ihr Herr Jesus strahlt majestätische Ruhe aus, sein Gesicht von Helligkeit erfasst.

Generationen von Lübenern kennen diese Szene, sie prangt an der Wand ihrer Kapelle. Und sie ist jetzt vor dem Verfall bewahrt worden.

Die Lübener Version der „Stillung des Sturms“ ist ein Werk des Künstlers Horst L. Weber. Der 2002 verstorbene Maler war Ehrenbürger der Samtgemeinde Hankensbüttel, er lebte für viele Jahrzehnte und bis zuletzt im Luftkurort, und dort lehrte er in seiner aktiven Zeit als Kunsterzieher auch am Gymnasium, doch er hatte auch viele Verbindungen in den Wittinger Raum – nach dem Krieg wohnte er für einige Jahre in Boitzenhagen und in der Brauereistadt. 1964 kam der Auftrag für das Wandbild in Lüben.

Nicht ganz 50 Jahre später kam das Wasser. Nicht bedrohlich züngelnd, eher leise tropfend. Nun war das Bild selbst in Gefahr.

„Das Kunstwerk hatte einen Salzschaden“, erläutert die Restauratorin Carla Leupold-Belter aus Grassel, die das Wandbild nun im Auftrag der Stadt gerettet hat. Das Kapellendach war undicht gewesen, Feuchtigkeit schwemmte die Salze im Mauerwerk aus, Farbe platzte ab.

Deshalb waren in Lüben eigentlich sogar schon die Weichen für eine Entfernung der Sturmstillung von der Kapellenwand gestellt. Ein Künstler der Werkstattwoche, so die Überlegungen, könnte ein Nachfolge-Kunstwerk gestalten.

Doch davon bekam Ira Tolstichin Wind. Die Steinhorsterin kümmert sich in Hankensbüttel um das künstlerische Erbe Webers – und sie wollte die Weber-Szene retten. Vor allem, weil es sich um ein relativ seltenes Werk handelt. Von dem Künstler sind nur vier weitere Wandbilder bekannt.

Ortsvorsteher Hans-Joachim Niemann war schnell auf Tolstichins Seite. Sie nahm dann Kontakt zum Wittinger Bauamt auf, 2013 war das, damals noch unter der Ägide von Albert Soltau. Dessen Mitarbeiterin Ute Benecke kümmerte sich um die Details, die Politik hievte die nötigen Unterhaltungsmittel in den Haushalt – und das Projekt „Rettung der Sturmstillung“ kam in trockene Tücher.

Nach einer Ausschreibung machte sich Restauratorin Leupold-Belter ans Werk. Mit Kompressenmaterial holte sie in mehreren Schritten Feuchtigkeit aus der Wand („da kann eine Nachbehandlung nötig werden“), sie kittete Fehlstellen, sie retuschierte das Bild mit feinem Pinsel und Aquarellfarbe. Und sie nahm sich des Holzkreuzes an, das wie ein Mast aus dem Boot herausragt und dem Kunstwerk eine dreidimensionale Komponente verleiht, reinigte das Holz und versah es mit einem neuen Anstrich.

Nach einigen Tagen Arbeit, die sich über mehrere Wochen verteilten, war das Wandbild ein zweites Mal „fertig“.

Ortsvorsteher Niemann findet das Resultat „sehr gelungen“ und meint: „Es war wichtig, dass Frau Tolstichin sich dafür eingesetzt hat. Horst L. Weber war einer der wichtigsten Künstler der Region.“ Und Tolstichin selbst ist „überglücklich, dass es geklappt hat“.

Dem Kunstwerk dürften nun deutlich ruhigere Zeiten bevorstehen: Das Lübener Kapellendach ist seit einiger Zeit dicht.

Von Holger Boden

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