Die Linde soll fallen

Soll bald aus dem Stadtbild verschwinden: die Linde vor dem Bistro Cappuccino. Foto: Boden

Wittingen. „Stellen Sie doch ‘nen Plastikbaum auf.“ Der Einwurf von Ratsherr Friedrich O. Winkelmann (FWG), am Ende einer langen Diskussion über Linden in der Wittinger Innenstadt, erntete spontanen Beifall aus den Reihen der Zuhörer im kleinen Ratssaal. Wolf-Ingo Bellin (CDU) hingegen adelte die Bemerkung ironisch als „sehr intelligenten Beitrag“. Gerade eben hatte der Ortsrat bei einer Gegenstimme beschlossen, dass der Baum vor dem Bistro Cappuccino gefällt werden darf.

Solches war von dem Gastronomiebetrieb schon vor Monaten beantragt worden, allerdings hatte der Ortsrat die Entscheidung im März noch vertagt. Die Antrags-Begründung damals: Die Absonderungen der Linde stören erheblich bei der Außenbewirtschaftung. Nun kam noch ein weiteres Argument des Hauseigentümers auf den Tisch: Die Wurzeln der Linde hätten inzwischen die Hausanschlussleitungen angegriffen.

Winkelmann, dessen Vorschlag für eine Baumschutzsatzung auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung kommen soll, plädierte vehement gegen eine Fällung und warnte davor, einen Präzedenzfall zu schaffen: „Dann könnten andere sagen: Uns stört auch etwas. Wenn ein Baum fällt, fallen alle.“ Und: „Das Grün in der Altstadt macht ihren Charme aus.“

Zwar fanden auch andere Ratsmitglieder es „schade um den Baum“, doch ansonsten stand Winkelmann mit seinen Bedenken allein da. „Wir wollen Gastronomie in der Stadt, also sollten wir hier eine Ausnahme machen“, meinte Jürgen Schramm (SPD), und seine Fraktionskollegin Hildrun Mitschke sowie Jens König (CDU) schlossen sich dem an. Jens Oldenburg-Tietjen (FWG) sah noch weitere Gründe, den Baum wegzunehmen: „Die ganze Umgebung ist klebrig.“

Die Verfechter einer Fällung argumentierten auch damit, dass es für Fußgänger zwischen den Außentischen des Bistros und dem Baum ein wenig eng werde. „Dann ist die Konzession nicht richtig erteilt“, konterte Winkelmann.

Mit dem grünen Licht für eine Rodung verband der Ortsrat die Auflage, dass der Antragsteller die Hälfte der Kosten tragen müsse. Zudem soll nachgepflanzt werden: mit einem Kugelbaum, wie er in der unmittelbaren Umgebung häufiger anzutreffen ist. Insgesamt wird es nach Schätzung der Verwaltung wohl auf Gesamtkosten von 2000 bis 3000 Euro hinauslaufen.

Die fragliche Linde ist in Wittingen offenbar nicht unbeliebt. „Unmöglich“, schallte es aus dem Zuschauerraum, als der Beschluss zur Fällung stand. In der Einwohnerfragestunde vertraten Bürger die Auffassung, dass das Problem einer beschädigten Kanalisation vom Wasserverband zu regeln sei, dass deshalb aber kein Baum weichen müsse.

Derweil dürfen andere Linden in der Langen Straße stehen bleiben. Einen Antrag, die Bäume vor dem Modehaus Dress zu fällen, beschied der Ortsrat negativ. Ortsbürgermeister Wolfgang Trautmanns Verdikt in diesem Fall: „Sieht schön aus.“

Dafür ist Winkelmann nun in großer Sorge um die einzelne Linde vor dem Ernst-Siemer-Bad. Die ist mit einem roten Punkt markiert und damit für die Fällung vorgesehen. Nicht etwa, weil Badegäste sich verklebt fühlen, sondern weil sie als „hinfällig“ gilt. „Wir haben das überprüft“, sagte Bauamtsleiter Albert Soltau, „der Baum soll weg, weil er sehr in Mitleidenschaft gezogen ist.“ Winkelmann sah das anders: „Den kann man pflegen. Eine Fällung wäre ein Armutszeugnis.“

Von Holger Boden

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