Möglichst ohne Sunk und Schwall

Bau der Liegestelle am Elbe-Seitenkanal: Halbzeit für ein komplexes Wittinger Projekt

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Der Baubevollmächtigte und Projektleiter Georg Müller bei der Besichtigung der Baustelle am Elbe-Seitenkanal.

Wittingen – Die brennende Sonne lässt das Wasser des Elbe-Seitenkanals glitzern, während ein böiger Wind immer wieder Sandwolken über den Betriebsweg am Ostufer aufsteigen lässt.

Harte Arbeit und sonnige Muße liegen dicht zusammen an diesem Sommermittag, an dem sich ein wolkenloser Himmel über dem Wittinger Hafen spannt. Während sich ein wenig nördlich der Kanalbrücke auf zwei Pontons die Bagger drehen, tuckert ein Skipper mit seinem Sportboot an der Baustelle entlang und reiht sich zwischen den beiden schwimmenden Arbeitsplattformen ein. Der Freizeit-Kapitän lässt ein in Richtung Süden entgegenkommendes Transportschiff durch.

„Das wird hier ganz entspannt gesehen“, sagt Georg Müller mit Blick auf das Manöver des Sportbootes. Müller ist der Baubevollmächtigte des Neubauamtes Hannover, die Behörde baut für die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes die neue, 600 Meter lange Liegestelle bei Wittingen. Wer mit Müller die Baustelle besichtigt und als Landratte bisher nur den Begriff „einspurig“ kannte, der lernt in der Mittagshitze das maritime Gegenstück kennen: „einschiffig“.

Denn derzeit gibt es wegen der Bauarbeiten für den Schiffsverkehr über hunderte Meter nur eine „Fahrspur“. Weil ein Schiff im Fall der Fälle nicht mal so eben zum Stehen kommt, bedeutet das für die Kanalschiffer, dass sie an der Baustelle äußerst vorausschauend fahren müssen. „Die sprechen sich per Funk ab“, weiß Müller. Zudem weisen große „Verkehrszeichen“ an den Ufern auf den Engpass hin, und über einen Verkehrsfunk, der auf den Namen „Elwis“ (Elektronischer Wasserstraßen-Informationsservice) hört, können die Besatzungen sich frühzeitig über die Verkehrssituation an der Wittinger Brücke informieren.

Noch ein Jahr Baustelle

Sportschiffer, so erklärt Müller, müssen nicht zwingend Funk an Bord haben, und sie müssen auch nicht die Nachrichten auf „Elwis“ verfolgen. Die kleinen Boote sind wendiger als die großen Transporter, und man setzt auf den Selbsterhaltungstrieb ihrer Steuermänner: „Die wissen, dass sie sich mit den Großen nicht anlegen sollten“, schmunzelt Müller.

Auf seiner Baustelle ist Halbzeit. Vor gut einem Jahr begannen die Arbeiten für die neue Liegestelle des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA), noch ein weiteres Jahr sollen sie andauern. 4,9 Millionen Euro aus Bundesmitteln werden hier investiert, damit Kanalschiffer einen sicheren Platz für längere Pausen haben. Auf ein Ende der Bauarbeiten freut man sich auch im Wittinger Rathaus schon, denn die Stadt will gern die alte Liegestelle am Hafen übernehmen, wenn diese dann vom WSA nicht mehr gebraucht wird.

Der Bau ist nicht trivial: Die Eiszeit hat einst feste Sande in den Nordkreis geschoben – wer hier 1.000 Tonnen Stahl für eine Spundwand fest installieren will, der muss vorbohren. Alle 4,80 Meter sorgen Anker, die in den Boden gelassen werden, für Stabilität. Harte Arbeit, vor allem, wenn die Sonne erbarmungslos auf die Baustelle brennt.

60.000 Kubikmeter Erde

Weil quasi eine „Parkbucht“ entsteht, an der Schiffe liegen sollen, ohne den übrigen Verkehr zu behindern, werden rund 60.000 Kubikmeter Erdreich bewegt und abgetragen. An der Liegestelle soll es später etwa 4 Meter tief sein, zudem wird das Kanalbett auf 12.000 Quadratmetern mit Beton gesichert. „Das alles ist durchaus anspruchsvoll“, sagt Müller. Viele Arbeitsschritte seien nur sukzessive möglich.

Und das alles erfordert auch eine funktionierende Logistik bei der Entsorgung. Schlamm und Steine werden getrennt abgetragen, die Bagger verladen das Ganze auf Schuten. Das sind Ladekähne, die das – unbelastete – Schüttgut zu einer knapp acht Kilometer entfernten Ablagerungsfläche des WSA bei Lüder bringen. Aus dem Gelände solle in ein paar Jahren eine Hügellandschaft werden, erklärt Müller.

Auf dem Bild ist eine Schute aus Lüder zu sehen, die zurückkehrt, um neues Material aufzunehmen.

Das rund zehn Köpfe zählende Team, das täglich auf der Baustelle ist, spürt bei seiner Arbeit auch die Wechselwirkung mit dem fließenden Verkehr – ganz wie auf einer Autobahnbaustelle. Autos dürfen da aus Sicherheitsgründen manchmal nur 60 km/h fahren, an der Wasserfernstraße bei Wittingen gilt für die Schiffe sogar Schrittgeschwindigkeit. „Normalerweise fahren sie etwa mit 10 bis 14 Stundenkilometern“, weiß Müller. Doch um die Bauarbeiten nicht zu beeinträchtigen, soll das minimiert werden, was der Fachmann als „Sunk und Schwall“ bezeichnet: das strömungsbedingte heftige Wechselspiel des Wasserspiegels, das jeder kennt, der schon mal ein zügig vorbeifahrendes Schiff beobachtet hat. Erst wird das Wasser „angesaugt“, dann kommen die Wellen.

Strom statt Diesel

Die fertige Liegestelle wird dereinst mit Beleuchtung und Stromanschluss ausgestattet sein. „Damit die Schiffe nachts nicht den Diesel laufen lassen müssen“, erläutert Müller. Der Weg wird asphaltiert, so können die Binnenschiffer, die ein Auto an Bord haben, auf fester Straße in Richtung Hafen und von dort womöglich zum Einkaufen fahren. In einem Jahr soll alles fertig sein – bisher läuft das Projekt planmäßig. Trotz manchmal erbarmungsloser Sonne.

VON HOLGER BODEN

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