Ende einer Ära: Bodenentnahmestelle bei Ohrdorf vor dem Ende

Die letzte Sandkuhle schließt

Einen lange nicht mehr genutzten Teil der Sandkuhle hat die Natur schon selbst rekultiviert. F.: bo

Ohrdorf. Eine Ära geht zu Ende: Die letzte Sandkuhle im Wittinger Stadtgebiet wird geschlossen. Der Ohrdorfer Ortsrat stimmte am Dienstagabend einem Vorschlag der Stadtverwaltung zu, nach dem der Bodenabbau an der B 244 Richtung Zasenbeck nicht fortgesetzt wird.

Sandkuhle – das ist das Wort, das der Volksmund für eine „Bodenentnahmestelle“, wie sie im Beamtendeutsch heißt, benutzt. Zum dörflichen Leben gehörte sie früher wie der Kirchturm oder die frische Milch aus dem Kuhstall. Und das wohl seit Jahrhunderten.

„Jede Gemeinde hatte eine“, erinnert sich der Ohrdorfer Landwirt Walter Schulze, der am Dienstag in der Ortsratssitzung sagte: „Liebgewonnene Dinge gibt man ungern auf.“

Jede Gemeinde – das bedeutet im Prinzip: jeder Ort. Denn ein paar Gebietsreformen vor unserer Zeit waren die meisten kleinen Dörfer auch politisch noch selbstständig. Die Sandkuhle diente dabei, wie Schulze erläutert, vor allem kommunalen Zwecken: Der Sand wurde zum Anlegen und Ausbessern der Feldwege benutzt, die Dorfbewohner leisteten dabei Hand- und Spanndienste. Auch für private Zwecke konnte der gelbe Rohstoff genutzt werden, etwa für die Verwendung im Hausbau. Weil der Sand mit Pferd und Wagen geholt werden musste, durften die Kuhlen nicht zu weit vom Ort entfernt liegen.

Irgendwann hatten die Feldwege dann Asphaltdecken. Schulze schätzt, dass deshalb etwa ab den 60er Jahren die private Entnahme in den Vordergrund rückte – Sand für die Terrasse, Sand für den Sandkasten. Auch Sand für den Dorfsaal-Bau. Wer Bedarf hatte, holte sich den Schlüssel für das Tor beim Ortsbürgermeister.

Heute sind – bis auf die Ohrdorfer Entnahmestelle – alle Sandkuhlen im Stadtbereich dicht. Unternehmen liefern das Material auf Wunsch auf den Hof, und auch wenn dies Geld kostet, ist der Bedarf für die Selbstbedienung offenbar gering. Bauamtsleiter Albert Soltau ließ den Ortsrat wissen, dass eine Kontrolle des Landkreises eine nur „geringfügige“ Nutzung gezeigt habe. Da die Genehmigung für den Bodenabbau ohnehin abgelaufen ist und neu beantragt werden müsste, sei es aus Sicht der Verwaltung an der Zeit, die Sandkuhle, die zudem als weitgehend erschöpft gilt, zu schließen.

Dem konnte sich der Ortsrat anschließen, auch wenn Ortsbürgermeister Dirk Faust anmerkte, dass manche geringe Menge an Sand für den einen oder anderen vielleicht wichtig sei, „und wenn es nur eine Frontladerschaufel ist“.

Der Ortsrat verständigte sich daher auf einen Kompromiss, den Soltau ins Spiel brachte: Rund 500 Kubikmeter sollen für künftige Nutzung auf einem Haufen zusammengeschoben werden und abgeholt werden können, mehr wird dann nicht mehr abgebaut.

Hatten bis in die 70er Jahre die Sandkuhlen oft ein zweites Leben als Schuttkuhle, so ist dies in Zeiten von Mülltrennung und zentraler Abfallentsorgung passé. Auf einem Teil der Ohrdorfer Entnahmestelle soll zwar früher durchaus schon Müll gelandet sein, und der Einfahrtbereich scheint aktuell vor allem als öffentliches WC für Autofahrer und auch als Müllabladeplatz zu dienen. Doch der offizielle Plan sieht nach der Schließung eine Rekultivierung vor.

Von Holger Boden

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