Blick in eine gar nicht so ferne Vergangenheit: Volles Haus beim Vortrag über Untote im Junkerhof

Leichenschändung als „Brauchtum“

Diese Gebeine sind bei Ausgrabungen in Harsefeld (Landkreis Stade) zutage gefördert worden – man hatte den Leichnam im 14. oder 15. Jahrhundert am Kopf mit einem großen Stein beschwert, um ihn daran zu hindern, aus dem Grab zu steigen. Solche Gebräuche gab es in ganz Norddeutschland.
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Diese Gebeine sind bei Ausgrabungen in Harsefeld (Landkreis Stade) zutage gefördert worden – man hatte den Leichnam im 14. oder 15. Jahrhundert am Kopf mit einem großen Stein beschwert, um ihn daran zu hindern, aus dem Grab zu steigen. Solche Gebräuche gab es in ganz Norddeutschland.
  • Holger Boden
    VonHolger Boden
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Wittingen. Die Furcht vor Wiedergängern und Zombies – nur ein Phänomen längst vergangener Zeiten, in denen noch die Pest durchs Land zog und Wissenschaft mit Aberglaube vermischt war? Keineswegs: Auch in dieser Region seien noch bis ins 20.

Horst Meier (v.r.) vom Heimatverein begrüßte den Referenten Daniel Nösler und den Gifhorner Kreisarchäologen Dr. Ingo Eichfeld.

Jahrhundert Riten gepflegt worden, die mit der Angst vor Untoten zu tun haben, lernten die Zuhörer des Vortrags von Daniel Nösler im Wittinger Junkerhof. Der Archäologe war dort auf Einladung der Gifhorner Kreisarchäologie zu Gast und hatte mit rund 35 Zuhörern ein volles Haus.

„Noch vor 100 Jahren starben die Menschen zu Hause“, erläuterte Nösler. Die Angehörigen bekamen die Verwesungsprozesse, die auch mit seltsamen Geräuschen verbunden sein können, also „live“ mit. Zudem, so Nösler, fehlten jahrtausendelang exakte Maßstäbe für Herz- und Hirntod.

Die vermeintliche Begegnung mit der anderen Seite verunsicherte die Menschen, und die mutmaßliche Rückkehr eines Toten oder sein schädliches Wirken aus dem Grab heraus mussten verhindert werden. Paradoxerweise waren offenbar vor allem die nüchternen Protestanten recht offen für solchen Aberglauben – Nösler kennt viele Nachweise entsprechender Bräuche „aus evangelischen Gegenden“.

Untote in Wittingen? Zumindest die Angst davor war im Volksglauben mindestens bis ins späte 19. Jahrhundert verbreitet.

Nösler ist heute Kreisarchäologe in Stade. Auf das „etwas abseitige Thema“ der Untoten kam er vor 13 Jahren, als bei Grabungen in Brandenburg der Schädel einer Nonne auftauchte, in dem zwei Kupfermünzen lagen. Mit solchem Geld, so die gängige Interpretation, sollte ein Verstorbener den Fährmann ins Totenreich bezahlen. Ausgrabungen in Harsefeld bei Stade haben ebenfalls abergläubische Riten ans Licht gebracht, die auch vor einem Kloster nicht Halt machten.

Leichname wurden, um die Rückkehr eines Toten zu verhindern, gepfählt, mit Steinen bedeckt, gefesselt, an den Boden genagelt. Mitunter wurde posthum auch der Kopf abgetrennt, um ganz sicher zu gehen. Als gefürchtete Wiedergänger galten vor allem Kriminelle oder Gotteslästerer, aber auch Ertrunkene oder Mordopfer – in der Regel Menschen, die nicht in geweihter Erde bestattet wurden, oder denen die letzten Sakramente nicht zuteil geworden waren.

Bei Jembke hat man Nösler zufolge in den 50er, 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zwei Gräber aus dem Hochmittelalter entdeckt, in denen die Gebeine mit Steinen beschwert waren. Bei Növenthien (Kreis Uelzen) ist ein slawisches Gräberfeld mit 145 Toten freigelegt worden, fast jeder siebte Leichnam wies Spuren der gängigen Abwehrmaßnahmen gegen Untote auf. Gerichtsakten zeigen: Eine solche Form der Leichenschändung gab es in Deutschland noch bis in die 30er Jahre – schwerpunktmäßig allerdings, so Nösler, in den Gebieten östlich der Elbe. Mit Verweis auf „Brauchtum“ seien die Delinquenten oft freigesprochen worden.

Und im heutigen Nordkreis? Dem aus Braunschweig stammenden Kartographen und Ethnologen Richard Andree war Wittingen 1901 in dieser Hinsicht eine Erwähnung wert: „Der Vampyrglauben ist früher in der Gegend von Wittingen allgemein gewesen.“ Gemeint war laut Nösler noch die Zeit um 1850. Und es gebe wenig Gründe anzunehmen, dass solcher Volksglaube sich im 20. Jahrhundert schnell verflüchtigte – man habe, so der Archäologe, dann lediglich begonnen, verschämt darüber zu schweigen.

Ein Zuhörer des Vortrags berichtete denn auch, dass ihm ein Fall aus dem Kreis Gifhorn bekannt sei, bei dem einem Verstorbenen noch 1995 das Wegegeld für den Fährmann mitgegeben wurde. Nösler überrascht das nicht – dieser Ritus sei heute noch gängig, wie ihm auch Bestatter berichtet hätten.

Von Holger Boden

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