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Aufnahmestopp bei der Wittinger Tafel

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Von: Holger Boden

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Mitarbeiter der Tafel greifen in Regale und stellen Lebensmittel zusammen.
Wittinger Tafel-Mitarbeiter bei der Ausgabe von Lebensmitteln: Derzeit gibt es als Folge des Krieges in der Ukraine weniger zu verteilen, der Verein hat daher einen Aufnahmestopp verfügt. © Boden, Holger

Wittingen – Der Krisen-Mix aus steigenden Energiepreisen und genereller Inflation trifft vor allem jene Bürger, die bereits in schwierigen finanziellen Verhältnissen leben müssen – da macht Wittingen keine Ausnahme. Erschwerend kommt hinzu, dass die aktuellen Probleme auch da, wo es Hilfsangebote für diese Bürger gibt, voll durchschlagen: Die Wittinger Tafel hat jetzt einen Aufnahmestopp verhängt.

„Wir sind wirklich am Limit, wir bekommen zu wenig Ware“, erklärt Thomas Finnern, bei dem im Büro der Tafel die Fäden zusammenlaufen. „Mehr Kunden können vorerst leider nicht kommen.“

Dabei ist die Nachfrage freilich da, nicht zuletzt durch Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine. Von denen habe man noch einige aufnehmen können, bevor der Aufnahmestopp kam, sagt Finnern – dem bewusst ist, dass eigentlich noch mehr Menschen die Tafel bräuchten. Anfragen kommen dieser Tage, doch die müssen alle abgelehnt werden: „Es ist auf gut Deutsch eine Scheiß-Situation, weil wir nicht helfen können.“

Der Hintergrund ist laut Finnern, dass ein großer Teil der Ware, die sonst bei der Tafel landet, in die Ukraine geliefert wird oder auch nach Polen, wo sich viele Geflüchtete aufhalten. Dafür habe man natürlich Verständnis – es sei wichtig, dass geholfen werde, egal wo. Aber für die Tafel werde die Menge dessen, was verteilt werden kann, dadurch eben kleiner: „Unsere Lieferanten sind nach Kräften bemüht, das merken wir, aber mehr ist eben nicht da.“

Schon vor dem Aufnahmestopp waren für das Tafel-Team die Auswirkungen der Inflation erkennbar. Da seien, so Finnern, einige Rentner als Neukunden hinzugekommen. Einige junge Leute auch.

Die Helfer um Finnern und die Vorsitzende Kerstin Gailliaert sind dicht am Puls des Teils der Gesellschaft, für den es derzeit um elementare Fragen der Versorgung geht: „Die Leute sind zum Teil fassungslos, weil sie nicht wissen, wie es für sie Anfang des nächsten Jahres weitergehen soll, wenn die Energie-Nachzahlung ins Haus steht“, berichtet Finnern. Viele würden derzeit ihr Einkaufsverhalten ändern, nach noch günstigeren Lebensmittel-Alternativen suchen, ihre Ernährung umstellen. „Sie sind voller Angst und wissen nicht, wie lange das alles für sie gutgeht. Wir kennen hier junge Mütter mit Kindern, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, denen geht es im Moment ganz dreckig.“

Die Wittinger Tafel hat laut Finnern am 20. Mai per E-Mail auch an den Landrat kommuniziert, dass sie einen Aufnahmestopp macht. Denn man höre immer wieder, dass Menschen in Aufnahmestellen und bei Behörden gesagt bekommen, sie sollten sich an die Tafel wenden. Ob das stimmt, wisse man natürlich nicht, doch es sei aus Sicht der Tafel wichtig, dass nicht erst falsche Erwartungen geweckt werden. Eine Antwort auf das Schreiben liege bisher nicht vor.

Was jetzt helfen könnte, sind laut Finnern größere Lebensmittelspenden oder auch Geldspenden, mit denen die Tafel in größerem Stil selbst Lebensmittel einkaufen könnte. „Wir brauchen Mengen“, betont Finnern. Der Aufnahmestopp gilt auf unbestimmte Zeit: „Wir müssen abwarten.“

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