Das langsame Aus für die Förderschule?

Die Hermann-Löns-Schule in Wittingen.

Wittingen - Von Holger Boden. Alle reden von der Oberschule – und gleichzeitig kommt auf die niedersächsische Schullandschaft eine weitere große Veränderung zu, die bisher in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen und von den Behörden auch nicht im Übermaß kommuniziert wird. Eine Veränderung, an deren Ende das Aus für Förderschulen stehen könnte und deren Auswirkungen auch die Regelschulen treffen werden. Möglich, dass es auch die Wittinger Hermann-Löns-Schule ein einigen Jahren nicht mehr gibt.

Förderschule, früher „Sonderschule“: Was von übelmeinenden Zeitgenossen als Stigma verstanden wird, ist in der Praxis ein schulischer Rahmen für Schüler mit einem besonderen Förderbedarf. An der Wittinger Hermann-Löns-Schule etwa bedeutet das mitunter Klassengrößen in der Größenordnung sieben bis neun Schüler. Auf neun Jahrgänge verteilen sich derzeit 127 Schüler. Landesweit besuchen 4,7 Prozent aller Schüler eine Förderschule.

An der Hermann-Löns-Schule werden in diesem Sommer die letzten Erstklässler eingeschult. Das liegt daran, dass auch Niedersachsen sich nun mit der Umsetzung des Artikels 24 der „UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ beschäftigen muss. Das Stichwort dabei heißt: Inklusion. Dabei geht es darum, dass niemand vom Besuch einer allgemeinbildenden Schule ausgeschlossen werden darf.

Vor zwei Jahren war die Sache mal kurz ein Medienthema, dann gab es einen Streit um Begrifflichkeiten (Integration oder Inklusion?). Nun steht das Thema vor der Tür, ab 2012/2013 wird die Integration im Sinne der UN-Konvention verpflichtend – doch die Lage ist derzeit unübersichtlich.

So gibt es in Bremen beispielsweise schon seit 2009 die Inklusion. Niedersachsen meldet für dieses Jahr 400 so genannte Integrationsklassen, jede dritte Grundschule ist nach Angaben des Kultusministeriums mit einer „sonderpädagogischen Grundversorgung“ ausgestattet. Ministeriumssprecher Roman Haase zufolge sieht man 2011 als „Vorbereitungsjahr“ an: „Unsere Position ist, nichts über das Knie zu brechen.“

Ein „Regionales Integrationskonzept“ gibt es zum Beispiel im Wendland: An der Grundschule Lüchow besuchen insgesamt 17 Förderkinder den Unterricht in den Klassen 1 bis 4. Von „Inklusion“ möchte Schulleiterin Brigitte Rosen zum jetzigen Zeitpunkt aber noch nicht sprechen: „Wir sind auf dem Weg dorthin.“

Der Landkreis Gifhorn? Hier gibt es nach Angaben von Schulamtsleiter Karsten Kreutzberg im Südkreis erste Ansätze für integrative Beschulung, man habe bisher „gute Erfahrungen als Rückmeldung“. Im Nordkreis ist das Thema hingegen neu. Auf die Anfrage des Wittinger Stadtelternratsvorsitzenden Christian Hinze-Riechers in der Schulausschuss-Sitzung am letzten Donnerstag, was denn über ein mögliches Aus für die Hermann-Löns-Schule bekannt sei, musste die Verwaltung passen.

Nun ist die Stadt Wittingen zwar nicht Träger der Förderschule – doch es sind immerhin ihre Grundschule(n) und ihre mögliche künftige Oberschule, an denen die Integrationsarbeit beziehungsweise die Inklusion stattfinden wird. Über die Zukunft der Hermann-Löns-Schule habe man bisher jedoch in der Tat keine Informationen bekommen, sagt Wittingens Erster Stadtrat Peter Rothe auf IK-Nachfrage: „Die UN-Konvention ist bekannt, aber es gibt bisher kein sinnhaftes Konzept für eine Umsetzung. Wir haben noch keine Infos.“

Das Konzept wird vermutlich ähnlich aussehen wie im Landkreis Lüchow-Dannenberg: Die Förderschüler besuchen die normale Grundschule und werden dort von Sonderpädagogen betreut. Allerdings nur für einen Bruchteil der wöchentlichen Unterrichtszeit: Zwei Stunden pro Woche sind es laut Rosen für jede Klasse, in der ein Schüler mit Betreuungsbedarf sitzt. Die Sonderpädagogen können bei diesem „Hausbesuch“ vertiefenden Unterricht bieten, Beratung oder auch Elterngespräche. Einen Antrag auf eine solche „sonderpädagogische Grundversorgung“ hat beispielsweise auch die Grundschule Rühen gestellt. Der Bromer Schulausschuss berät heute ab 18 Uhr im Rathaus darüber.

Rosen, die sich selbst als „überzeugte Verfechterin“ der schulischen Integration bezeichnet, berichtet von guten Erfahrungen: „Das funktioniert hervorragend.“ In Deutsch und Mathematik bekämen die einstigen Förderschüler, die nun keine mehr sind, eine extra Unterrichtsversorgung. Bei Musik, Sport und Kunst gebe es eine Kooperation mit einer Behinderten-Schule, das soziale Lernen werde gefördert. Die Schulleiterin räumt gleichzeitig ein, dass die Ausstattung mit sonderpädagogischer Versorgung „natürlich immer ein bisschen mehr sein könnte“. Aber: „Die Vorteile überwiegen.“

Zwei Stunden pro Woche pro Klasse – der Leiter der Hermann-Löns-Schule, Michael Schemionek, glaubt, dass das nicht ausreichend sein dürfte: „Die Grundidee der Integration ist gut, aber dann muss die Versorgung an der Regelschule deutlich erhöht werden.“ Schemionek fürchtet, dass ansonsten die Kollegen in den Regelschulen keine Chance haben, neben ihren schon bestehenden Aufgaben dem Förderbedarf der neuen Schüler gerecht zu werden. Er weist auch darauf hin, dass die Sonderpädagogen künftig einen guten Teil ihrer Arbeitszeit auf der Straße verbringen werden – auf dem Weg von Schule zu Schule. Schemionek: „Diese Zeit muss irgendwo herkommen.“

Derzeit deutet nichts darauf hin, dass das Land die Ausstattung mit sonderpädagogischer Betreuung deutlich erhöhen wird. Die Frage ist auch, ob es dafür überhaupt genügend Fachkräfte gäbe, wenn deren Schützlinge nun nicht mehr in einem Klassenraum, sondern in verschiedenen Schulen sitzen.

Reisen statt unterrichten – auch Kreutzberg sieht dieses Problem. „Wir beobachten das Thema intensiv“, sagt der Schulamtsleiter des Landkreises. Er räumt ein, dass die Inklusion unter pädagogischem Gesichtspunkt in verantwortlichen Kreisen durchaus kontrovers diskutiert werde. Nach IK-Informationen gab es auch sehr skeptische Fragen von Vertretern der Förderschule bei der jüngsten Sitzung des Wittinger Stadtelternrates.

Skepsis ist auch Ministeriumssprecher Haase bekannt. Ziel des Landes Niedersachsen sei daher auch nicht die Abschaffung der Förderschulen. Diese wolle man als Förderzentren weiterführen, etwa zur Steuerung der sonderpädagogischen Betreuung in einem Gebiet, aber auch für den möglichen Besuch von Förderschülern. Im Rahmen eines Wahlrechtes solle es für Eltern möglich sein, ihre Kinder weiterhin auf eine Förderschule zu schicken, falls sie dies für ihre Schützlinge für geeigneter halten.

Mehr als ein Förderzentrum dürfte im Landkreis Gifhorn allerdings kaum übrigbleiben. Derzeit gibt es mit der Hermann-Löns-Schule und der Gifhorner Pestalozzi-Schule zwei Förderschulen. In Gifhorn seien die Schülerzahlen bereits rückläufig, berichtet Kreutzberg. Die Schließung zumindest einer der beiden Schulen sei eine „mögliche Konsequenz“, aber keineswegs ausgemachte Sache.

Schemionek hält dagegen für seine Schule „eine Schließung mittelfristig schon für absehbar“. Wenn ab 2012 nicht mehr eingeschult werde, dann werde die Hermann-Löns-Schule sukzessive leerlaufen. Eine Schließung in sieben bis acht Jahren sei dann leider ein denkbares Szenario.

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