Der lange Marsch der Schäfer

Wanderschäfer Klaus Seebürger und Stefan Rose mit Hunden und Herde.

Vorhop - Von Jürgen Kayser. Schnucken, Skudden und Füchse ziehen derzeit durch den Landkreis Gifhorn. Der Hirtenzug von Berlin durch Niedersachsen nach Belgien tangierte am Wochenende Wittingen, Wunderbüttel, Vorhop und Neudorf-Platendorf. Der „Staffellauf“ der Wanderherden hat als Ziel das Machtzentrum der EU in Brüssel. Die Schäfer wollen schon unterwegs mit Flyern und Gesprächen auf die missliche Lage ihres Berufsstandes aufmerksam machen.

Für Klaus Seebürger aus dem Amt Neuhaus ist besonders „der Weg dorthin das Ziel“. Der Berufsschäfer zieht mit seinen Schafen rund 300 Kilometer von Neuhaus bis Blomberg an der westfälischen Grenze. Dort will er den „Staffelstab“ an einen seiner Berufskollegen weitergeben. Seebürger legt derzeit auf der Ostseite des Elbe-Seitenkanals täglich zehn Kilometer zurück.

Die Nacht zum Sonnabend verbrachte er mit seiner Herde im Wittinger Hafen. „Am Vormittag habe ich Wunderbüttel passiert, und nun pausiere ich mit den Schafen mehrere Stunden lang unter dieser Kanal- Brücke“, erzählte der 51-Jährige um die Mittagszeit am Kanal-Kilometer 29,4 zwischen Vorhop und Schönewörde. Dort fanden Seebürger und seine rund 220 Schafe, zwei Ziegen, zwei Esel, altdeutsche Hütehunde und sein Border-Collie Schutz vor der Mittagshitze. Coburger Füchse, Schnucken und Skudden – eine alte vom Aussterben bedrohte ostpreußische Hausschaf-Rasse –, die zur Herde des Berufsschäfers gehören, tankten dort Kraft.

„Wir pflegen die Landschaft, die Sie lieben“ – das ist das Motto der Aktion, und dieser Slogan ist auch das Leitmotiv von Stefan Rose aus Grethe, der zu Seebürger stieß und ihn begleitet. „Wir rivalisieren mit der halben Welt“, beschreibt der gelernte Wasserbauer die Bredouille, in der sich die Wanderschäfer befinden. „Wir machen gegen die Konkurrenz aus Übersee und die jüngsten EU-Agrarreformen mobil, die unser Leben erschweren. Schafprodukte aus Neuseeland zum Beispiel werden hier viel billiger angeboten, als wir dies können. Wir bekommen für das Kilo Wolle 50 Cent. Billiger geht es nicht“, kritisiert Seebürger.

Der BUND-Landesverband Niedersachsen unterstützt die Forderungen der Schäfer, und er macht gemeinsam mit der Vereinigung der deutschen Landesschafzuchtverbände (VDL) auf die Bedeutung und die prekäre Situation der Wanderschäfereien aufmerksam: „Ohne sie kann ein Großteil der Naturschutzmaßnahmen nicht verwirklicht werden“, betont Tilman Uhlenhaut, Landwirtschaftsreferent des BUND Niedersachsen. „Um eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt zu erhalten und Kulturlandschaften zu bewahren, ist die Wanderschäferei die beste Betriebsform.“

„Deshalb müssen wir immer weiterziehen“, sagt Stefan Rose, der die seit Januar 2010 vorgeschriebene elektronische Kennzeichnung der Schafe (Einzelkennzeichnung mit zwei Marken je Tier) als blanken „Irrsinn“ bezeichnet. Diese „komplizierte und wenig praktikable“ Registrierungsregelung verteuere die Kennzeichnung der Schafe um das Fünffache. Bei großen Herden von 500 bis 1000 Schafen sei der Arbeitsaufwand immens groß. „Letzterer geht uns von der Betreuungszeit der Tiere verloren“, ärgert sich Seebürger. Nicht akzeptabel sind für die Berufsschäfer auch wachsende Bürokratie, niedrige Einkommen, die langen Arbeitszeiten und schlechte Arbeitsbedingungen.

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