Wittingerin bei Klinikaufenthalt von Saatkrähen-Lärm um den Schlaf gebracht

„Das war wie körperlicher Schmerz“

Heike Wachsmann blickt von der Klinik in Richtung der Bäume, in denen die Saatkrähen brüten, die sie im Krankenhausbett um den Schlaf gebracht haben. Fotos: Boden/Archiv
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Saatkrähen brachten die Patientin um ihren Schlaf.
  • Holger Boden
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Wittingen. Als Heike Wachsmann Anfang Juni nach einer Operation zwei Nächte in der Wittinger Helios-Klinik verbringen musste, hatte sie eine ziemlich unruhige Nacht in ihrem Krankenhausbett.

Das lag nicht etwa am Service oder an schnarchenden Zimmernachbarn – die Ursache waren die Saatkrähen, die mit ihrem Gekrächze die Wittingerin um ihren Schlaf brachten.

Heike Wachsmann blickt von der Klinik in Richtung der Bäume, in denen die Saatkrähen brüten, die sie im Krankenhausbett um den Schlaf gebracht haben.

„Ich wäre am liebsten mit der Schrotflinte rausgegangen“, sagt Wachsmann rückblickend über die Momente, als sie sich unter akustischer Pein in ihrem Klinikbett wälzte. „Das war wie ein körperlicher Schmerz.“ Gegen 4.30 Uhr morgens beginnen die Krähen zu dieser Jahreszeit mit ihrem ungebetenen Konzert, auch am Tag besitzen sie einen großen Mitteilungsdrang. Es waren warme Tage, als Wachsmann im Krankenhaus lag, die Fenster zu schließen war schlicht nicht möglich.

Sechs oder sieben Nester der Saatkrähen befinden sich nur knapp 100 bis 200 Meter vom Krankenhaus entfernt in einer mächtigen Baumkrone an der Gustav-Dobberkau-Straße. Der Bereich rund um Klinik und Junkerpark scheint inzwischen zu den Krähen-Hotspots in Wittingen zu gehören, zusammen mit bekannteren Schwerpunkten wie dem Wall oder dem Spielplatz am Umweg, wo die Ruhe seit einiger Zeit auch wieder vorbei ist.

Rolf Franke, der vor zwei Jahren Unterschriften gegen die Krähenplage am Hindenburgwall gesammelt hatte, berichtet von bis zu 70 Nestern am Tennisplatz, die von den Vögeln offenbar wieder aufgegeben worden sind. Stattdessen hätten sie sich auf andere Gebiete verteilt – am Wall eben, am Zimmerplatz oder bei der Brauerei.

Erneute Klagen kommen auch vom Hotel Nöhre. Besitzerin Edit Margowski moniert den „frühmorgendlichen Krach“, es habe schon Beschwerden von Touristen gegeben. Die Gäste hätten Probleme, auszuschlafen. Und man könne „kaum noch im Kaffeegarten sitzen“. Ihr Vorschlag: Netze über die Bäume, um das Brüten zu verhindern.

„Das Problem“, bilanziert Vorkämpfer Franke nach drei Jahren Wittinger Saatkrähen-Diskussion, „ist nicht gelöst.“ Statt von einer „Schusterstadt“ spreche mancher schon von einer „Krähenstadt“. Die betroffenen Bürger fühlten sich von der Politik alleingelassen.

Schnelle Resultate sind in der Tat nach wie vor nicht zu erwarten: Der von der Stadt dann doch beauftragte Gutachter hat nach Angaben von Bauamtsleiter Sascha Liwke noch bis vor kurzem die Bestandserhebung vorgenommen, nun sei er bei der Auswertung. Die Ergebnisse des Fachbüros seien für August avisiert. Man erwarte dann auch „Maßnahmenvorschläge“, um dann „das weitere Vorgehen mit dem Landkreis abstimmen zu können“. Liwke bestätigt, der Braunschweiger Experte habe „Wanderungsbewegungen“ festgestellt.

Bis zu konkreten Maßnahmen – so es sie jemals geben sollte – ist es also noch ein weiter Weg. Die Untere Naturschutzbehörde des Landkreises hat mehr als ein Wörtchen mitzureden, Geld muss locker gemacht werden, und im Herbst könnte bis zur Konstituierung der neuen Räte erstmal ein Entscheidungsvakuum drohen.

Bis dahin wird weitergekräht. Wachsmann fragt sich derweil, „wie ein Schmerzpatient das aushalten soll“. Sie hält den Kampf gegen die Kräheninvasion gerade mit Blick auf den Klinik-Standort Wittingen für absolut notwendig.

Für die Helios-Klinik ist das Problem derweil offenbar neu: „In der Vergangenheit haben sich nur sehr wenige Patienten von den Krähen gestört gefühlt und dies auch in der Klinik angesprochen“, so Sprecher Torsten Eckert. „So gab es für die Klinik bisher keinen Grund, etwas zu unternehmen.“ Sie wäre dabei auch auf die Stadt und den Landkreis angewiesen.

Von Holger Boden

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