Nicht-Ausbau von Scharnebeck: Region contra Ramsauer / Kritik auch aus Wittingen

Es könnten mehr Schiffe sein ...

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Mehr Umschlag: Die Stadt Wittingen würde ihren Hafen gern stärker auslasten und erweitern.

Wittingen/Lüneburg. Der Widerstand in der Region formiert sich: Die Ankündigung des Bundesverkehrsministers, die Kapazität des Schiffshebewerks in Scharnebeck nicht erweitern zu wollen, stößt auch in Wittingen auf Kritik.

Für Politiker wie auch Interessenvertreter der Wirtschaft ist Ramsauers Absage ein Rückschlag für die Entwicklung Nordostniedersachsens.

Laut Bürgermeister Karl Ridder will die Stadt sich dafür einsetzen, dass die Pläne für einen Ausbau des Hebewerkes nicht zu den Akten gelegt werden. „Da müssen wir an unsere Landes- und Bundespolitiker ran.“ Mit einer Hafenerweiterung, so die Hoffnung im Wittinger Rathaus, könnten neue Arbeitsplätze für die Region geschaffen werden – und da gilt die zeitgemäße Auslastung des Kanals als wichtige Voraussetzung.

Allerdings: „Zeitgemäß“ ist ein Attribut, das auf das Hebewerk nicht mehr zutrifft. Mit 100 Metern Troglänge ist es zu kurz für viele gängige Schiffslängen. Schon 110-Meter-Schiffe, wie sie auf dem Rhein oder dem Mittellandkanal verkehren, können nicht durch.

Veraltet: Trog in Scharnebeck auf einem Bild von 1996.

Kai Römer, Sachbereichsleiter für Schifffahrt beim Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) Uelzen, skizziert ein weiteres Problem: Schubverbände, die als Ganzes zu lang sind, müssen zum Durchfahren des Hebewerks entkoppelt und hinterher wieder zusammengefügt werden – ein zeitaufwändiger und damit auch teurer Prozess. In der Summe bedeutet das in den Augen Ridders: Auf dem Elbe-Seitenkanal fahren nicht so viele Schiffe, wie dort eigentlich fahren könnten. Und das verringert die statistische Wahrscheinlichkeit, bei Unternehmen ein möglichst großes Interesse am Wittinger Hafen zu wecken. „Größere Schiffe“, so Ridder, „werden ohne Erweiterung des Hebewerks nie unseren Hafen erreichen.“

Auch der Landtagsabgeordnete Klaus Schneck (SPD) kritisiert die Entscheidung aus Ramsauers Ressort und fordert eine Intervention der Landesregierung: „Wir brauchen leistungsfähige Wasserstraßen, um die wirtschaftliche Zukunft unserer Region zu sichern.“ Mit dem Nein zum Scharnebeck-Ausbau werde „auch die bereits begonnene Verlagerung der Volkswagen-Logistik auf den Wasserweg gefährdet“, behauptet der VW-Betriebsrat Schneck.

Der Landespolitiker sagt auch: „Schon heute gibt es immer wieder Staus auf dem Wasser.“ In Scharnebeck trifft das zu, wie WSA-Mann Römer einräumt – allerdings liege das an den derzeitigen Arbeiten zur Sanierung des Hebewerkes und daran, dass die Anlage immer mal wieder komplett ausfällt. Vor der Baumaßnahme habe es diese Staus nicht gegeben.

Sanierung – nicht Ausbau. Für 40 Millionen Euro wird das Bauwerk vom Bund seit Mitte 2010 generalüberholt, ein Trog ist dafür gesperrt. Er soll Ende Mai fertig sein, 2014 beginnen die Arbeiten am zweiten Trog. Die Grundsanierung soll das Hebewerk für die nächsten 30 Jahre einsatzfähig machen.

Diesen Ansatz hält man bei der IHK Lüneburg-Wolfsburg für verfehlt: „Scharnebeck stößt schon heute an seine Kapazitätsgrenzen – das Schiffshebewerk ist ein Nadelöhr, mit dem wir die Potenziale des Elbe-Seitenkanals verschenken“, unterstreicht IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Zeinert die Forderung nach einer Erweiterung. Die Kammer führt zudem ins Feld, dass ein leistungsfähigerer Kanal Straßen und Schienen entlasten könne.

Nun ist der Elbe-Seitenkanal in erster Linie eine Transitstrecke. Die wenigsten Güter, die darauf transportiert werden, sorgen in den Häfen für Wertschöpfung. Laut Römer transportieren jährlich rund 13 000 Schiffe etwa 8 Millionen Tonnen Güter. Der Gesamtumschlag in Wittingen, Uelzen und Lüneburg liege aber nur bei etwa 600 000 Tonnen. Vom Verkehr auf der Wasserstraße profitiert daher in erster Linie der Bund, der die Benutzungsgebühren in seinem Haushalt verbuchen kann.

IHK-Sprecher Markus Mews bezeichnet den Kanal trotzdem als „essenziell wichtig“ für die gesamte Region. Diese profitiere indirekt vom Hamburger Hafen und dessen logistischen Möglichkeiten im Hinterland. Ein attraktiver Elbe-Seitenkanal biete Chancen für die Ansiedlung von Wirtschaftsbetrieben. Genau die Hoffnung, die man auch in Wittingen hegt.

Der „Flaschenhals“ Scharnebeck gilt derweil nicht als einziger Engpass. Wegen der Brückenhöhe können Container auf dem Elbe-Seitenkanal maximal zweilagig transportiert werden. Doch eine Erhöhung sämtlicher Brücken gilt unter finanziellen Gesichtspunkten als utopisch. Für Mews ein Argument mehr, die Zukunftsfähigkeit des Kanals auf andere, kostengünstigere Weise zu sichern – mit einem Scharnebeck-Ausbau. Wenn auf den Schiffen schon nicht höher gestapelt werden darf, dann sollen sie wenigstens länger werden dürfen.

Bei ihrem Einsatz für das Ausbau-Projekt setzt die IHK auf den Schulterschluss mit anderen Kammern und Wirtschaftsverbänden. Briefe an Ramsauer sollen zum Umdenken beitragen. Glaubt Mews an einen Erfolg der Bemühungen? „Wir sind optimistisch“, sagt der IHK-Sprecher. „Der Druck durch den Verkehr aus Hamburg wird so groß werden, dass sich keiner verweigern kann.“

Von Holger Boden

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