Hausärztliche Versorgung ist mittelfristig gefährdet / Mediziner: Politik hat Problem lange ignoriert

Für Knesebeck drängt die Zeit

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Blutdruckmessung beim Hausarzt – auch in ein paar Jahren noch in Knesebeck? Nach Auffassung der Kassenärztlichen Vereinigung ist die Kommune gut beraten, sich aktiv um attraktive Bedingungen für junge Mediziner zu bemühen. 

Knesebeck. Ein Ärztehaus für Knesebeck? Das ist eine Diskussion, die gerade richtig Fahrt aufnimmt. Beim Neujahrsgespräch hatten Dr. Sigmund Supady und Dr. Klaus Wallis angeregt, dass die Stadtpolitik sich mit dem Thema befassen solle.

In Kürze sollen nach IK-Informationen Gespräche auf politischer Ebene folgen.

Höchste Zeit, findet Wallis, Apotheker in Knesebeck. Er beobachtet die Branche genau und formuliert es so: „Nach Lage der Dinge locken wir derzeit niemanden nach Knesebeck. Wir erleben, dass junge Ärzte ungern das Risiko eingehen, eine Praxis zu gründen und mit mehreren 100 000 Euro Schulden ins Berufsleben zu starten.“ Es sei zunächst einmal erstrebenswert, dass bestehende Praxen weitergegeben werden, wenn ein Arzt in den Ruhestand geht. Finde sich aber kein Nachfolger, dann müsse man über neue Wege nachdenken. Und da, findet Wallis, gebe es für Knesebeck inzwischen „Zeitdruck“.

Das sieht Supady genauso. Er ist einer von zwei Hausärzten in Knesebeck und hat beim Neujahrsgespräch nicht zum ersten Mal darauf aufmerksam gemacht, dass er seine Praxis nicht mehr ewig führen wird. „Wann ich aufhöre, weiß ich nicht, das hängt von meiner Gesundheit ab“, sagt der Allgemeinmediziner. Er ist jetzt 72 Jahre alt.

Supady findet, die Wittinger Politik habe das Problem der hausärztlichen Versorgung in den letzten fünf Jahren ignoriert – nun sei es höchste Zeit, dass eine Diskussion entsteht. Ein Ärztehaus könne eine denkbare Lösung sein. Er selbst habe bereits Besuch von zwei jungen Ärzten – potenziellen Nachfolgern – gehabt. Beide Male sei das Ergebnis negativ gewesen – unter anderem, weil „sie vom Umfeld enttäuscht waren“.

Ein Arzt sieht nicht an jedem Standort eine Perspektive.

Stefan Hofmann, KVN

Knesebecks Ortsbürgermeister Heinz-Ulrich Kabrodt (SPD) hat inzwischen zugesagt, das Thema auf die politische Agenda zu bringen. Für Ende Januar ist ein Gespräch im Rathaus anberaumt, bei dem auch die Knesebecker Hausärzte dabei sein sollen. Für Kabrodt geht es um eine zunächst „ergebnisoffene“ Bestandsaufnahme, dann wolle man „schauen, was aus kommunaler Sicht möglich ist“. Vom Mieten vorhandener Praxisräume über einen Kauf bis hin zu einem Neubau für ärztliche Zwecke müsse man alle Optionen prüfen. Die Knesebecker Grünen planen zu dem Thema eine öffentliche Gesprächsveranstaltung. Der zweite Knesebecker Hausarzt, Dr. Karl-Heinz Dettmer, war gestern für das IK nicht zu erreichen.

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) wirbt man übrigens für interkommunale Zusammenarbeit bei den Bemühungen um die hausärztliche Versorgung der Zukunft. Dort glaubt man nicht, dass künftig jeder Ort, der heute einen Arzt hat, auch künftig noch direkt versorgt sein wird: „Die Demografie verheißt nichts Gutes, da sieht ein Arzt nicht an jedem Standort eine Perspektive“, meint KVN-Bezirksstellenleiter Stefan Hofmann. „Das zwingt die Kommunen zu Kooperationslösungen.“

Heißt im Klartext: Für die Bewohner mancher Orte könnte der Weg zum Arzt dann künftig weiter werden. Die öffentliche Hand – auch darauf weist Hofmann hin – müsse dann natürlich für entsprechende Verkehrsanbindungen sorgen.

Interkommunale Lösungen für die Stadt Wittingen und die Samtgemeinde Hankensbüttel sind – unter Beteiligung von Landkreis und KVN – schon vor zwei Jahren erörtert worden. In beiden Rathäusern legt man aber die Priorität auf den Erhalt der ärztlichen Versorgung vor Ort. „Das geht vor“, sagt Samtgemeindebürgermeister Andreas Taebel. Allerdings stelle sich die Frage angesichts der noch relativ günstigen Altersstruktur der Ärzteschaft in Hankensbüttel derzeit nicht. „Wir würden eher warten, dass Wittingen auf uns zukommt.“

Doch auch in der Brauereistadt will man zunächst nach eigenen Lösungen suchen – auch für Knesebeck: „Wenn dort zwei Arztpraxen wegbrechen würden, wäre das ein ziemlicher Einschnitt“, sagt Günter Kruse, allgemeiner Vertreter des Stadtbürgermeisters. Der Fokus werde darauf liegen, auch in Knesebeck die Versorgung aufrechtzuerhalten. Die Gespräche liefen jetzt an.

Von Holger Boden

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