Durch die Lücke im Grenzzaun

30 Jahre Mauerfall wecken Erinnerungen ans „Lübener Loch“

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Auch wenn dort im Juni 1990 noch der Zaum stand – hinter dem Hochsitz ging’s weiter: Eberhard und Ursula Dörheide, Antje Klasing sowie Heidi und Udo Riechmann beim Dreh an historischer Stelle.

Lüben – 30 Jahre Mauerfall – da werden natürlich auch im Isenhagener Land viele Erinnerungen wach. Das waren bewegte Zeiten im Herbst 1989 und in den Monaten danach. In Lüben gehört seit damals das „Lübener Loch“ zu den gern erzählten Grenzgeschichten.

Sogar ein TV-Team des NDR kam dafür jetzt in den Rundlingsort.

Es war der 16. Juni 1990, Schützenfest in Lüben. Knapp sieben Monate nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, aber noch zwei Wochen vor der Währungsunion. Die Wiedervereinigung am 3. Oktober stand noch nicht in den Terminkalendern.

Doch die Menschen aus den beiden deutschen Staaten entdeckten schon längst wieder ihre Gemeinsamkeiten. Und so weilten an diesem 16. Juni Heidi und Udo Riechmann aus dem altmärkischen Reddigau in Lüben, um beim Schützenfest mitzufeiern.

Das Loch gab es schon

„Erste Kontakte hatten wir schon vor Weihnachten 1989 geknüpft“, erzählt Riechmann jetzt, als er mit seiner Ehefrau Heidi und den drei Lübenern Eberhard Dörheide, Ursula Dörheide und Antje Klasing in der Lübener Tenne sitzt und in Erinnerungen schwelgt. Das Lübener Loch, das sei dann morgens um 4 Uhr in einer Bierlaune ins Spiel gekommen – „nachdem wir 20 Stunden durchgefeiert haben“.

Natürlich ging es dabei um ein Loch im Grenzzaun. Der stand ja größtenteils noch, und das Loch entstand auch nicht erst in dieser Schützenfest-Nacht. „Das war aus jagdlichen Gründen schon vorher da“, erzählt Eberhard Dörheide.

Die beiden Gäste aus Reddigau, das war der Plan, sollten dieses Loch für einen möglichst direkten Nachhauseweg nutzen. Der Übergang Rade-Waddekath war in dieser Nacht zu weit, und zwischen Erpensen und Reddigau sollte es noch bis zum 29. Juni dauern, bevor dort freie Fahrt zwischen Ost und West herrschte.

„Alibi-Posten“

Selbstschussanlagen und Minen habe es in dem Bereich nicht mehr gegeben, berichtet Eberhard Dörheide, die seien schon Mitte der 80er auf Grundlage eines Vertrages zwischen DDR und Bundesrepublik abgebaut worden. „Ein paar Grenzposten liefen da Mitte 1990 noch herum“, ergänzt Heidi Riechmann, „die hatten aber eher eine Alibi-Funktion“.

Also wurde das Ehepaar aus der Altmark frühmorgens mit Trecker und Anhänger zu dem Durchlass in dem Zaun kutschiert, der einst die Welt in zwei scheinbar unabänderlich starre Blöcke trennte – auch hier, ein paar hundert Meter östlich von Lüben, abseits des Verbindungsweges in Richtung Erpensen.

Der kleine nächtliche Streich – real existierende DDR hin oder her – war also kaum mit echter Gefahr verbunden, wenn man die heutigen Schilderungen zugrundelegt. Doch er steht symbolhaft für den damaligen Willen der Menschen beiderseits der Grenze, dass möglichst schnell zusammenwachsen möge, was zusammengehört.

Heute wie vor fast 30 Jahren ist es kein befestigter Weg, der zu der Stelle führt, an der sich das „Lübener Loch“ befand. 

Heute, 30 Jahre später, sieht Udo Riechmann dieses Ziel als erreicht an – allen Unkenrufen über uneinige „Wessis“ und „Ossis“ zum Trotz. „Ich habe mich von Anfang an von diesen Vorurteilen distanziert“, sagte der Reddigauer, der wie seine Frau lange in der Kommunalpolitik gearbeitet hat. Zwischen den altmärkischen Orten Neuekrug, Reddigau und Höddelsen sei eine lebendige Partnerschaft mit Lüben und Erpensen gewachsen, und die Basis dafür seien auch gerade die persönlichen Freundschaften. Die Einheitsfeier, die jedes Jahr am 3. Oktober auf altmärkischer Seite über die Bühne geht, sei „zum Selbstläufer“ geworden.

Der NDR will seinen Beitrag aus Lüben voraussichtlich am heutigen Mittwoch in der Sendung „Hallo Niedersachsen“ (19.30 Uhr) zeigen, danach soll er in der Mediathek abrufbar sein.

VON HOLGER BODEN

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