„Im zweiten Lockdown abgehängt“ / Ärger über falsche Promi-Signale

Wittinger Obermeisterin: Friseuren fehlt Hilfe

Haarschnitt mit Mundschutz – auch das ist seit dem 16. Dezember nicht mehr erlaubt. Die Friseurbetriebe leiden im aktuellen Lockdown enorm, sagt Obermeisterin Birgit Eredt aus Wittingen.
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Haarschnitt mit Mundschutz – auch das ist seit dem 16. Dezember nicht mehr erlaubt. Die Friseurbetriebe leiden im aktuellen Lockdown enorm, sagt Obermeisterin Birgit Eredt aus Wittingen.
  • Holger Boden
    vonHolger Boden
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Die Lage der Friseurbranche ist äußerst ernst – das sagt die Obermeisterin der Friseur-Innung Gifhorn-Witingen, Birgit Eredt. „Wir werden im zweiten Lockdown richtig abgehängt“, meint Eredt, die in Wittingen ein Frisierstudio betreibt.

Wittingen – Die Zwangsschließung dauert seit dem 16. Dezember an, doch staatliche Hilfen seien bisher nicht geflossen. Und in solchen Zeiten müsse man noch registrieren, dass Politiker und Fernsehstars stets frisch frisiert zu sehen sind – das sei für Normalbürger ein fragwürdiges Vorbild.

Es sind also mehrere Aspekte, die der Obermeisterin gerade sauer aufstoßen. Wobei sie betont, dass ihre Branche die Maßnahmen zum Schutz vor der Pandemie mitträgt: „Wir wollen nicht, dass das Gesundheitssystem zusammenbricht.“ Doch laufe man inzwischen Gefahr, große Teile des Friseurhandwerks zu verlieren. „15 Prozent der Betriebe sind bereits am Ende“, sagt Eredt.

Birgit Eredt, Obermeisterin.

Hilfen fließen bisher nicht

Von unbürokratischen Hilfen für die Friseure sei die Rede gewesen, doch davon sei bislang nichts zu sehen. Die Mitarbeiter seien in Kurzarbeit, die Betriebe seien finanziell nicht in der Lage, das Kurzarbeitergeld aufzustocken, denn für viele gehe es jetzt ans Eingemachte – insbesondere dort, wo die Miete weiterläuft und die Einnahmen ausbleiben, während die staatlichen Hilfsgelder nicht ausgezahlt werden. Und für die Angestellten sei es durchaus auch ein Problem, dass derzeit natürlich die Trinkgelder fehlen. Die Friseurbetriebe, so Eredt, „kämpfen um ihre Existenz“.

In dieser Situation wirke es wie Hohn, dass viele, die dem medial präsenten Teil der Gesellschaft angehören, sich weiterhin täglich frisch gestylt zeigen – auch Politiker. Eredt hat sich über einen Zeitungsbericht geärgert, in dem die bayrische Digitalministerin Dorothee Bär mit Blick auf ihre Frisur schmunzelnd auf die Styling-Tipps verwies, die ihre Töchter sich bei YouTube geholt haben.

Falsche Signale durch „Vorbilder“

Von solchen Aussagen, so fürchtet die Obermeisterin, gehe eine falsche Vorbildwirkung aus: „Jeder kann sich selbst zu Hause im familiären Kreis die Haare schneiden und damit die Zeit bis zum Ende des Lockdowns überbrücken – dafür habe ich Verständnis.“ Doch sei es ein Ärgernis, wenn von Politikern der Eindruck erweckt wird, man könne innerhalb weniger Wochen mal eben anhand von Videos das Stylen, Schneiden und Färben so lernen, wie Fachkräfte es in einer mehrjährigen Ausbildung tun. Eredt warnt: Von unfachmännisch ausgeführten Arbeiten am Haar könnten auch Gefahren ausgehen, etwa das Auflösen von Haaren durch falsches Blondieren, oder das Hervorrufen allergischer Reaktionen. Die Politik solle nicht zu „Selbstversuchen“ animieren.

Und überhaupt: Muss es derzeit die perfekte Frisur sein? „Im ersten Lockdown wurden auch bei Politikern und Schauspielern die Haare immer länger“, meint Eredt. „Und was spricht in diesen Zeiten auch dagegen? Das Schicksal teilen ja schließlich alle.“ Wenn aber Promis mit Hilfe von Privatfriseuren – die vielleicht zuvor auf Corona getestet wurden – die Haare schön haben, dann befinde man sich in einer „Zweiklassengesellschaft“, und das könne nicht gewollt sein.

Eredt glaubt, dass mehr Solidarität von oben auch helfen würde, ein anderes Problem einzudämmen: die unmoralischen Angebote an die Mitarbeiter von Friseursalons, doch mal eben „schwarz“ die Haare zu schneiden. Da gebe es auch in der hiesigen Region immer mal wieder Anfragen. Die Obermeisterin meint: „Jeder Bürger würde mit Sicherheit Verständnis dafür aufbringen, wenn in Zeiten wie diesen auch bei Politikern die Frisur nicht immer perfekt sitzt. So wäre es zumindest authentisch und der Gesellschaft glaubhaft vermittelbar, dass man sich solidarisch zeigt – auch im Hinblick auf die Vorbildfunktion.“

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