„Das System zerbricht“

Hilfsbedürftig und allein gelassen: Boitzenhagener findet keinen Pflegedienst

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Jürgen Wesselow ist schwer krank. Gerade seine erhöhtes Hilfsbedürfnis sorgt dafür, dass er keinen Pflegedienst findet. Ein generelles System-Problem.

Boitzenhagen – „Ich brauche Hilfe“, sagt Jürgen Wesselow. Der 70-Jährige ist ans Bett gefesselt, leidet unter anderem an Lymphödemen. Sein bisheriger Pflegedienst hat gekündigt, einen neuen findet er nicht ohne Weiteres.

Wesselow kommt aus Berlin, hat aber schon vor 31 Jahren eine kleine Blockhütte in der Waldsiedlung in Boitzenhagen gekauft.

Ursprünglich als Oase für Wochenenden und Urlaube gedacht, wohnt er dort mit seiner Frau Angelika seit vier Jahren fest. „Wir haben viel umgebaut“, erklärt Wesselow, „damit wir hier leben können.“ Denn er ist seit einer misslungenen Magenband-OP vor rund 20 Jahren schwergeschädigt. „Meine Frau pflegt mich, aber alleine schafft sie das nicht mehr“, sagt Wesselow. Die 66-Jährige benötige vor allem bei der Hygiene Hilfe.

Bis vor Kurzem war Wesselow noch Patient der Ambulanten Krankenpflege Bettina Harms. Doch im Sommer bekam er eine schwere Lungenentzündung, musste von der Feuerwehr ins Krankenhaus gebracht werden. Nach fünf Wochen wurde er entlassen, nur um kurz darauf wieder eingewiesen zu werden. „Ich bekam eine schwere Blasenentzündung“, berichtet Wesselow. Zum zweiten Mal wurde er bei akuter Lebensgefahr auf Anordnung von Dr. Denise Niemann aus Ehra ins Krankenhaus nach gebracht. „Frau Niemann hat mit zweimal das Leben gerettet“, hält Wesselow fest. Das erste Krankenhaus habe nachlässig gehandelt: „Ich wurde mit nachweislich erhöhten Entzündungswerten entlassen“, klagt er. Die Folge: ein höherer Pflegegrad.

„Daraufhin hat mein Pflegedienst mir gekündigt“, klagt Wesselow. Vier Jahre lang sei er mit dem Pflegedienst Bettina Harms sehr zufrieden gewesen, das sei nun vorbei. „Gerade, wo es mir wieder besser geht“, sagt er. Immerhin habe er 30 Kilogramm abgenommen und sich etwas an Mobilität zurückerkämpft. „Das ist auch für uns ganz schlimm“, erwidert Bettina Tews-Harms. „Wir kündigen niemandem grundlos.“ Immerhin hätte auch das Pflegepersonal eine enge Bindung an die Patienten. „Jede Kündigung ist eine emotionale Belastung, wir wissen, wie die Patienten dann dastehen.“ Aber es fehle einfach an Personal.

„Wir sehen den Bedarf, aber können das nicht leisten“, so Tews-Harms weiter. Gerade in Wesselows Fall könnten nur mehrere, gut eingearbeitete Mitarbeiter zusammen eingesetzt werden. Das sei nicht zu stemmen. Er wäre auch mit der vorherigen Versorgung zufrieden, wirft Wesselow ein. Doch bevor Tews-Harms eine unzureichende oder gar schlechte Versorgung zulässt, kündigt sie in solchen Fällen lieber. „Wir müssen die Versorgung gewährleisten können und das geht hier nicht.“

Schuld sei der allgemeine Mangel an Fachkräften. Tews-Harms sieht die ambulante Pflege zerbrechen: „Mit Jens Spahns Reform ziehen die Krankenhäuser das Personal ab“. Ähnliches berichtet auch Elena Schiemann, Pflegedienstleiterin der Sozialstation Grußendorf: „Die Pflegekräfte sind über Nacht verschwunden.“ Auch bei ihr hatte Wesselow sich um einen Platz bemüht, versorgt sie doch auch Patienten in Ehra. Zwar sei Boitzenhagen nur wenige Kilometer entfernt, doch eine Behandlung Wesselows nicht möglich. Die enggetakteten Touren ließen das nicht zu. Wie Tews-Harms steht auch Schiemann dazu, Fälle wie Wesselow „lieber gar nicht anzunehmen, als falsch zu behandeln.“

Tews-Harms sagt, die Politik mache „einen schlanken Fuß“ und sieht diese in Zugzwang, beteiligte sich an Demonstrationen in Hannover. Denn sie ist sicher: „Das wird noch dramatischer.“ Seit gut anderthalb Jahren müsse sie immer wieder Kündigungen aussprechen – bis zu fünf im Monat. „Das System zerbricht“, berfürchtet sie.

Wesselow bekommt diese Defizite nun zu spüren. Er ist weiter auf der Suche nach einem Pflegedienst, bedankt sich für jede Hilfe, die ihm unter (05836) 212 oder j.wee@gmx.de geboten werden kann. Derzeit hat er privat eine Vollzeit-Kraft angestellt. „Das kann ich nur wenige Monate machen“, sagt er. Die Rücklagen des ehemaligen Friseurmeisters neigen sich dem Ende. Zudem kämpft er seit Jahren mit der Krankenkasse um eine Reha. „Ich fühle mich im Stich gelassen“, resigniert Wesselow.

VON DENNIS TESCH

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