Die Heimatzeitung lebt

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Rarität: Peter Schniete und seine Ehefrau Gerdamarie mit der Titelseite des IK von 1919.

Ehra – Von Detlev E. Deipenau. „‘Nichts ist so alt wie die Zeitung von Gestern‘, heißt es in einem Sprichwort. Bei uns allerdings geht es noch ein bisschen älter“, so die Wirtin des Ehraner Restaurants „Zur Alten Molkerei“ und zeigt auf die in einem Nebenraum an den Wänden hängenden Zeitungsseiten.

Neben vielen einzelnen Ausschnitten aus Tageszeitungen der 1930-er Jahre, die, passend zum rustikalen Ambiente der Räumlichkeiten, hinter Glas in schwarzen Rahmen stecken, findet sich unter anderem ein besonders gut erhaltenes Exemplar der „Illustrierten Sonntagsbeilage“ der Salzwedel-Gardelegener Zeitung vom 4. Dezember 1933. Dort wird in einem groß aufgemachten Bericht auf das Fußball-Länderspiel England-Österreich in London hingewiesen.

Auf einem anderen Blatt aus der gleichen Zeitung bewirbt die Salzwedeler Firma Gustav Ramelow Schnittmuster für Damenbekleidung mit dem Hinweis: „Modisch wichtig ist die Taille“. Zumindest ebenso kurios ist auch die Anzeige der damals sehr populären Zigarettenmarke Juno. Hier heißt es im Werbetext: „Juno bewahrt ihren guten Ruf“! Der dort ebenfalls angegebene Preis von 20 Pfennigen für sechs Zigaretten dieser Marke lässt sicher so manchen Raucher von längst vergangenen Zeiten träumen.

An einem besonderen Platz und von einer Leuchte angestrahlt findet sich das mit Abstand älteste Exemplar dieser Sammlung: Eine Titelseite des Isenhagener Kreisblattes. Der Untertitel lässt uns dann wissen, dass es sich hierbei um die „Vereinigte Wittinger Zeitung“ handelt, die sich – wie wir weiter erfahren, mit der „Bromer Zeitung“ und der „Hankensbütteler Zeitung“ zusammengeschlossen hatte.

Des Weiteren erfahren wir, dass dies die Ausgabe Nr. 34 ist und im 32. Jahrgang erschienen ist. Dies lässt darauf schließen, dass die Gründung, beziehungsweise die Vereinigung der jeweils genannten Lokalzeitungen zum Isenhagener Kreisblatt, bereits im Jahr 1888 erfolgt sein muss. Interessant zu wissen ist auch, dass es bereits vor diesem Zusammenschluss sowohl eine „Bromer Zeitung“ und auch eine „Wittinger Zeitung“ gegeben haben muss. Datiert ist das Isenhagener Kreisblatt auf Montag, den 10. Februar 1919, mittags. Mithin ist diese Ausgabe also über 91 Jahre alt.

So kurios wie der Fund an sich sind auch die darin enthaltenen Artikel und Meldungen. Im Leitartikel wird zum Beispiel darüber berichtet, dass die Nationalversammlung ein neues Präsidium gewählt hat, in der alle Parteien vertreten sind. Und das waren in der „Weimarer Republik“, wie die damalige Regierungsform später genannt wurde – und wie wir heute wissen – nicht wenige. Ein weiterer Artikel auf Seite 1 des IK von 1919 befasst sich unter der Überschrift: „Die Wetterwolke im Osten“ mit der gerade erst gegründeten Sowjetunion, wo es im Untertitel heißt: „Deutschland das Ziel der Sowjets“.

Angespielt wird hier auf die Ermordung der deutschen Kommunisten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg am 15. Januar desselben Jahres.

„Gleich nach der Grenzöffnung haben wir alte Bekannte in Kunrau besucht und dort in der Küche, neben einer Holzkiste, einen Stapel alter und bereits stark vergilbter Zeitungen entdeckt, die offensichtlich dazu gedacht waren, das Feuer im Herd anzuzünden“, so Wirtin Gerdamarie Schniete. Also wurden die am besten erhaltenen Seiten vorsichtig auf dem Küchentisch ausgebreitet und zwischen zwei Pappendeckel gelegt nach Ehra transportiert.

Am darauf folgenden Tag besorgte sich Peter Schniete in einer Braunschweiger Kunstbedarfs-Handlung eine große Mappe, in der normalerweise Drucke gelagert werden, bettete die Zeitungsseiten um, verschloss die Mappe, stellte sie in irgendeine Ecke – und vergaß sie.

Jahre später, als die Schnietes ihre damalige Diskothek Columbo zu einem Restaurant umbauen ließen, fiel ihnen die Mappe mit den alten Zeitungsseiten wieder in die Hände und „dann kam uns spontan der Gedanke, wie wunderbar sich diese Blätter doch an den Wänden machen würden“, erzählt Peter Schniete.

„Ganz besonders schön ist es, dass sich das Gedruckte noch ohne große Anstrengungen lesen lässt. Wir hatten schon Gäste hier, die das Essen kalt werden ließen, weil sie sich nicht eher setzen wollten, bis sie auch das kleinste Inserat und die kleinste Meldung gelesen hatten“, so der Wirt weiter.

Hier hängen sie nun, als Dekoration zwischen Tiffany-Lampen und als stumme Zeugen einer längst vergangenen Zeit.

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