Krieg und Unfrieden

Heimathistoriker Kurt-Ulrich Blomberg legt Buch über „Wittingen 1933 – 1945“ vor

Vor den Gedenksteinen für gefallene Soldaten am Ehrenhain, an einem Ort der Trauer über das Unfassbare: Kurt-Ulrich Blomberg mit seinem neuen Buch über die NS- und Kriegszeit in Wittingen.
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Vor den Gedenksteinen für gefallene Soldaten am Ehrenhain, an einem Ort der Trauer über das Unfassbare: Kurt-Ulrich Blomberg mit seinem neuen Buch über die NS- und Kriegszeit in Wittingen. 

Wittingen. Ein Sarglager im Keller der Wittinger Grundschule. Konfirmanden, die in der Nachtweide mit Gewehren für den „Endsieg“ ausgebildet werden sollten. Ein von NS-Schergen angezündeter Scheiterhaufen mit christlichen Schriften im Garten der Superintendentur.

Es sind Beispiele wie diese, die zeigen, wie sehr der Irrsinn des Zweiten Weltkriegs und die Drangsalierung Andersdenkender im Dritten Reich auch in Wittingen und Umgebung den Alltag prägten. Der Heimat-Historiker Kurt-Ulrich Blomberg hat in seinem neuen Buch „Wittingen 1933 – 1945“ Ereignisse der Kriegsjahre und des Kriegsendes in der Region zusammengetragen und stellt die Vorbereitungen für den Krieg in einen überregionalen Zusammenhang.

„Ich wollte wissen, was hier eigentlich Mitte April 1945 passiert ist, und warum Wittingen relativ wenig Zerstörung erlebt hat“, beschreibt Blomberg, gebürtiger Wittinger, den Impuls, der nun in seinen dritten Beitrag zur Stadtgeschichte gemündet ist. Und so skizziert der Pastor im Ruhestand das, was sich bei Kriegsende in den Fliegerhorsten Dedelstorf und Wesendorf zutrug, wie die Division „Clausewitz“ bei Stadensen letzte Panzergefechte austrug, und wie Einheimische den Einmarsch der US-Truppen in Orte wie Hankensbüttel, Wittingen oder Ohrdorf erlebten.

Doch Blomberg hat seine Recherchen über den April 1945 hinaus ausgedehnt und befasst sich in seinem Buch auch mit der vorangegangenen „Gleichschaltung“ und „Ausschaltung“. So zitiert er Zeitzeugen und Quellen, die schildern, wie ein hoher Funktionär einem Familienvater aus Erpensen nahelegte, endlich in die NSDAP einzutreten – schließlich wolle dieser doch, dass seine drei Jungs „später einmal etwas würden“. Wie auch in Wittingen Hetze gegen Juden betrieben wurde, obwohl seit 1931 schon keine mehr da waren. Wie der Hankensbütteler Pastor Bode Bedrohungen und Bespitzelungen der Gestapo ausgesetzt war. Und wie die Menschen sich gegenseitig vor offener Kritik am herrschenden System („tödlicher Leichtsinn“) warnten.

Blomberg listet unter Bezug auf Schulchroniken und andere Quellen Kriegshandlungen auf, die das Isenhagener Land oder benachbarte Bereiche bis Anfang 1945 betrafen – Flugzeugangriffe und -abstürze, kriegsbedingte Einsätze der Wittinger Feuerwehr – und er versammelt einige kurze Gefechte, zu denen es bei Kriegsende kam. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass es in Reihen des Militärs auch auf Führungsebene mitunter zu einer Art „passiven Widerstands“ kam, der in der Region noch mehr Opfer durch aussichtslose Kampfaktionen vermied. Seinem Buch vorangestellt hat Blomberg ein Zitat aus einer Gesprächsrunde über die Resultate der deutschen Abwehrkämpfe in den letzten Kriegsmonaten: „Sie haben die Friedhöfe gefüllt.“

Von Holger Boden

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