Das große Ganze

Die Wittinger Schulpolitik steht vor richtungweisenden Entscheidungen.

Wittingen. – Von Holger Boden. Die Stadt Wittingen könnte vor einem radikalen Umbau ihrer Schulstruktur stehen. Auslöser ist die mögliche Einführung der Oberschule. Was genau am Ende für die Wittinger Schüler dabei herauskommt, ist derzeit völlig offen.

Eigentlich waren die Weichen gestellt: Die Grund- und Hauptschule soll Ganztagsschule werden, der Antrag wurde vor gut sechs Wochen abgeschickt. Die Realschule gilt als gut funktionierende Einheit mit vielen Angeboten, und nach dem positiven Zeugnis der Schulinspektion hatten die Verantwortlichen deutlich gemacht, dass wenig Interesse an neuen Strukturen besteht.

Die von der Landesregierung geschaffene Oberschule schafft nun gänzlich neue Voraussetzungen – und die Stadt muss möglicherweise reagieren, ob sie will oder nicht. Wenn die Samtgemeinde Hankensbüttel für sich die Oberschule einführen sollte, bleibt Wittingen davon nicht unberührt.

Die Hankensbütteler Perspektive sieht so aus: Immer weniger Eltern schicken ihre Kinder auf die Hauptschule, die Zahlen brechen ein. Die Oberschule gibt die Möglichkeit, ein wohnortnahes Angebot im Hauptschulbereich aufrecht zu erhalten und gleichzeitig die eigenen Realschüler vor Ort zu unterrichten.

Entscheidungen sind im Luftkurort noch nicht gefallen. Die Hauptschule selbst hat nach Angaben von Samtgemeindebürgermeister Andreas Taebel einen Antrag auf Einrichtung der Oberschule zum 1. August dieses Jahres gestellt. Die Mehrheitsfraktion der CDU will das Ganze prüfen lassen.

Findet sich eine Ratsmehrheit für eine Oberschule, an der allein Haupt- und Realschüler unterrichtet werden, dann kann die Samtgemeinde die Einführung der neuen Schulform selbst entscheiden. Nur bei einer Oberschule mit gymnasialem Zweig wäre eine Genehmigung des Landkreises Gifhorn nötig – doch angesichts des bestehenden Gymnasiums dürfte diese Variante kein Thema sein.

Taebel kann derzeit nicht sagen, ob der 1. August als Starttermin realistisch wäre. Er rechnet nicht damit, dass bis zu der für Ende Januar geplanten Schulausschuss-Sitzung eine beschlussreife Vorlage machbar ist, zumal das neue Schulgesetz bisher nur als Entwurf vorliegt. Bei Bedarf könne man aber im Frühjahr eine Sondersitzung einberufen.

Bleiben die Realschüler aus der Samtgemeinde in Hankensbüttel, dann sinkt die Schülerzahl der Wittinger Realschule nach Angaben des Ersten Stadtrates Peter Rothe um etwa ein Drittel. Langfristig wäre die Schule dann zweizügig.

In der Stadtratssitzung vor Weihnachten hatte die Wittinger CDU bereits beantragt, dass mögliche Auswirkungen der Oberschule auf die städtische Schullandschaft geprüft werden sollen. Die Sichtweise der Politik soll in der kommenden Woche intensiv diskutiert werden, wenn der Schulausschuss am Donnerstag, 20. Januar, um 18.30 Uhr im Rathaus zusammenkommt.

Es gibt eine Menge Fragen zu klären: Welche Gestalt bekommt die jetzige Grund- und Hauptschule, wenn sich die Hauptschüler künftig in einer Oberschule wiederfinden? Was bedeuten die Änderungen für das Ganztagsschul-Konzept? Soll in Wittingen ein gymnasialer Zweig eingerichtet werden? Und in welchen Gebäuden werden sich die entstehenden Schulen wiederfinden?

Nach ersten Berechnungen aus dem Rathaus wäre eine Oberschule ohne gymnasialen Zweig wohl in der jetzigen Realschule unterzubringen. Mit gymnasialem Zweig bräuchte man vermutlich auch Räume in der heutigen GHS. Zusätzlicher Raumbedarf kann dadurch entstehen, dass die Oberschule auch Ganztagsschule ist.

Abzuwarten bleibt ohnehin, ob der Landkreis, der Schulträger des Hankensbütteler Gymnasiums ist, dem gymnasialen Unterricht in Wittingen sein Plazet gibt. Eine Tendenz gibt es offenbar noch nicht. „Wir müssen uns die Auswirkungen auf das große Ganze anschauen“, sagt der Leiter des Kreisschulamtes, Karsten Kreutzberg.

Zurzeit seien kreisweit fünf Kommunen bekannt, die Interesse an einem gymnasialen Zweig haben. Bedenkt man, dass in vier weiteren Kommunen bereits gymnasiale Angebote bestehen oder fest geplant sind (Hankensbüttel, Gifhorn, Meinersen, Meine), und dass an der IGS Sassenburg auch Gymnasiasten beschult werden, dann zeigt das, wie flächendeckend das Interesse unter den zehn Kommunen ist. „Wir werden das alles genau prüfen“, sagt Kreutzberg, „aber das wird noch ein bisschen dauern“. Maßgabe sei, die bestehenden Gymnasialstandorte nicht zu schwächen.

Im Wittinger Fall würden laut Rothe langfristig etwa 150 bis 200 Gymnasiasten nicht mehr nach Hankensbüttel fahren, über die Jahrgänge 5 bis 10 gerechnet. Von der Einrichtung einer Oberstufe gehe man in Wittingen eher nicht aus.

Die Schulpolitiker in den Kommunen werden auch Wohnortnähe und die künftige Angebotsstruktur des Unterrichts gegeneinander abwägen müssen. Größere Schulen bieten mehr Differenzierungsmöglichkeiten, kleinere sparen Fahrzeit und -kosten. Weitere Argumente – pro und contra – dürften im Zuge der Diskussion auftauchen.

Insgesamt also eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Sollte der Schulausschuss nächste Woche jedoch schon Nägel mit Köpfen machen wollen, könnte laut Rothe auch alles ganz schnell gehen: Am 27. Januar könnte der Verwaltungsausschuss bereits über eine etwaige Empfehlung des Schulausschusses beraten. Allerdings: Auch in Wittingen kennt man das neue Schulgesetz bislang nur als Entwurf.

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