IK-Pressetreff: Bettina Tews-Harms über eine große Sorge der Pflegebranche

Die Grenzen des Wachstums

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Per Zollstock verdeutlichte Bettina Tews-Harms, dass jeder seine begrenzte Lebensspanne und damit auch seine eigene Pflege früh genug im Blick haben sollte.

Stüde. Mit einem Zollstock führte Bettina Tews-Harms den rund 40 Teilnehmern des IK-Pressetreffs gestern Abend plastisch vor Augen, dass jeder beim Blick auf die eigene Lebensspanne auch schon an „das letzte Ende“ denken sollte.

„Gute Pflege muss man planen“, sagte die Hankensbüttelerin, die den Besuchern die neuen Seminarräume ihres Unternehmens am Bernsteinsee zeigte.

Bettina Tews-Harms mit Redakteur Holger Boden, der das neue IK-Wirtschaftsmagazin vorstellte.

Tews-Harms, die 1994 in Hankensbüttel einen Pflegedienst gründete, beschäftigt heute mehr als 300 Mitarbeiter. Den Pressetreff-Gästen skizzierte sie die rasante Entwicklung ihres Unternehmens, das längst nicht mehr „nur“ ambulante Krankenpflege im Portfolio hat. Mehrere Tagespflege-Einrichtungen, die spezielle Versorgung von Krebskranken und Menschen mit Palliativ-Erkrankungen, die Kinder-Intensiv-Pflege, eine ambulant betreute Senioren-Wohngemeinschaft, eine ebensolche Einrichtung für junge Erwachsene mit Assistenzbedarf – das alles und mehr sind Bausteine des Pflege-Unternehmens Bettina Harms GmbH, das nicht nur im Nordkreis, sondern längst auch von Standorten wie Gifhorn und Wolfsburg operiert.

Bei aller unternehmerischen Tätigkeit hat die gelernte Krankenschwester den Blick für die Bedürfnisse, um die es bei alten und/oder pflegebedürftigen Menschen auch geht, nicht verloren: „Das Schlimmste ist oft die Einsamkeit“, weiß sie. Tews-Harms hat deshalb auch Nachbarschaftstreffs (Wolfsburg-Detmerode) oder, gemeinsam mit anderen Akteuren in Gifhorn, Möglichkeiten zur Begegnung der Generationen initiiert.

Das neue Seminarhaus, das auch an Externe vermietet wird, dient für die umfangreichen Schulungen, die die Bettina Harms GmbH ihren Mitarbeitern bietet – und liegt im Einzugsbereich der Firma an zentraler Stelle.

Die Teilnehmer des IK-Pressetreffs erfuhren interessante Zahlen zur künftigen Situation der Pflege im Landkreis Gifhorn.

Mehr als 700 Menschen betreue das Unternehmen heute täglich, sagte Tews-Harms. Vom Magazin „Focus“ bekam die GmbH letztes Jahr den Titel „Wachstums-Champion“ – eine Auszeichnung für die 500 wachstumsstärksten Betriebe der Republik. Tews-Harms bezifferte das Wachstum ihres Unternehmens auf jährlich zwischen 10 und 20 Prozent seit Gründung. Der Branchenschnitt liege bei 6 bis 8 Prozent.

Das könnte in den nächsten Jahren so weiter gehen. Könnte, denn schließlich wird prognostiziert, dass die Zahl der Hochbetagten im Landkreis sich bis 2030 – im Vergleich zum Referenzjahr 2007 – um 72 Prozent erhöht. Bei der Anzahl der Pflegebedürftigen wird mit einem Plus von 48,9 Prozent kalkuliert. Doch das Wachstum der Branche stößt, wie Tews-Harms erläuterte, an eine Grenze: „Damit ist Schluss. Wir können nicht mehr wachsen, weil wir keine Leute mehr finden.“ Mit Blick auf eine zunehmende Zahl von Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, sei das „dramatisch“. Bis 2030 drohe allein im Kreis Gifhorn eine Versorgungslücke von 1450 Pflege-Fachkräften – da gebe es also politischen Handlungsbedarf.

Gutgelaunte Unternehmenssprecherinnen unter sich: Alexa von der Brelje (Sparkasse Gifhorn-Wolfsburg, v.r.), Birgit Wiechert (LSW) und Andrea Kiel (Butting).

Ihrem Publikum verdeutlichte Tews-Harms auch, warum es aus personell-logistischen Gründen nicht möglich ist, dass ein Kunde immer von der selben Betreuerin besucht wird, und warum die Besonderheiten der Branche oft eine Vollzeit-Beschäftigung erschweren. Auf ihr Leitungs-Team und ihre gesamte Belegschaft hält sie große Stücke: „Ohne so tolle Mitarbeiter hätte ich das alles nicht geschafft.“

Von Holger Boden

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