Bürger fühlen sich über Windpark-Pläne nicht angemessen informiert

Gegenwind aus Boitzenhagen

+
Die von den Initiatoren des Info-Abends zur Verfügung gestellte Computersimulation soll maßstabsgetreu die künftige Windrad-Kulisse im Osten von Boitzenhagen zeigen.

Boitzenhagen – „So nah dran ist das?“ entfuhr es einer Boitzenhagenerin, als jetzt bei der Info-Veranstaltung im Dorfgemeinschaftshaus eine Grafik gezeigt wurde, die die optische Wirkung des geplanten Windparks verdeutlichen sollte.

Entworfen von Experten, maßstabsgetreu, wie Moderator Roberto Stehr den rund 70 Zuhörern versicherte. Die Bürgerin war mit ihrem Erstaunen nicht allein – man fühlt sich, das wurde an diesem Abend deutlich, im Ort schlecht informiert über die Pläne, die der Cuxhavener Windpark-Projektierer PNE östlich des Ortes realisieren will.

Die Vertreter des Unternehmens wiesen die Kritik zurück: Man habe „jede Planungsänderung an die Stadt kommuniziert“, hieß es. Ortsvorsteher Klaus Palluck wehrte sich ebenfalls gegen den mehrfach vorgebrachten Vorwurf, nicht richtig informiert zu haben. Die Pläne seien seit 2011 bekannt, und für ihn sei der Planungsstand von Anfang 2014 maßgeblich gewesen: „Ich kenne seitdem nicht alle Veränderungen. Und haben wir gesagt, wir wollen die Windenergie nicht?“

Erörterung im Schloss

Ortsvorsteher Klaus Palluck und die Vertreter des Investors PNE sahen sich vielen kritischen Fragen aus den Reihen der rund 70 Zuhörer ausgesetzt.

Mehrere Bürger wollten das alles nicht gelten lassen – man fühle sich nicht oder sogar falsch informiert, und irgendwo zwischen dem Rathaus und dem Ort seien offenbar Informationen versandet. Rolf Overbeck verwies auf den Umfang des Projektes: „Sieben mal 200 Meter – das wurde nicht kommuniziert.“ Das habe man erst im Mai dieses Jahres durch eine öffentliche Bekanntmachung erfahren. Auf den Einwand von PNE, mit dem Rathaus in regelmäßigem Austausch gewesen zu sein, fragte Overbeck: „Kommt es Ihnen nicht komisch vor, dass Sie in acht Jahren nicht einmal eine Info-Veranstaltung in unserem Ort gemacht haben?“ Darauf gab es keine Antwort.

Mitte Juli endete nun die Einwendungsfrist für ein Immissionsschutzverfahren im Zuge der von PNE eingereichten Anträge. Den Erörterungstermin am 4. September, 10 Uhr, im Rittersaal des Gifhorner Schlosses werden sich viele Boitzenhagener im Kalender notiert haben.

Das Unternehmen will sieben Windräder vom Typ Vestas V 136 errichten, mit einer Gesamthöhe von je 200 Metern (das IK berichtete). Hätten die Boitzenhagener Einfluss auf die Höhe nehmen können? Seitens PNE wurde das bezweifelt: 200 Meter sind heutzutage üblich, geringere Höhen gelten mit Blick auf den Windertrag als nicht lohnend, und mache PNE das nicht, dann komme wohl ein anderer Investor und plane ebenfalls mit 200 Metern. Im Dorf, so merkte ein Bürger an, sei allerdings niemand gefragt worden, ob man 200-Meter-Anlagen haben wolle.

Optik, Schall und mehr

Neben den optischen Aspekten des Windparks machten den Boitzenhagenern in der Info-Veranstaltung eine Reihe anderer Fragen Sorgen: Schall, Infraschall, Schattenwurf, Naturschutz. Und stehen die Anlagen im Wald? Das verneinte die Projektiererin Aimée Gieseler. Können sie in die Bäume kippen? Das sei theoretisch denkbar, aber höchst unwahrscheinlich, hieß es.

Einige Bedenken konnten an dem Abend ausgeräumt werden: Bekommen die Räder eine automatische Befeuerung, die nur bei Annäherung eines Luftfahrzeugs blinkt? Ja, hieß es. Die Kabel zum Umspannwerk? Verlaufen unterirdisch. Und wenn eine Anlage in Waldnähe brennt? Dann soll eine automatische Löschanalge anspringen.

Die generelle Kritik konnte all dies kaum dämpfen: „Wir fürchten eine Wertminderung für unsere Häuser“, sagte ein Bürger. Und monierte, dass für den Rotmilan zwar Maßnahmen zur Habitatverbesserung als Ausgleich geschaffen werden – dass es solch einen Ausgleich für die Bewohner des Ortes aber nicht gebe.

Nutzen für den Ort?

Mit dem Diplom-Ingenieur Gerhard Artinger hatten sich die Boitzenhagener einen Referenten geholt, der sich „nicht als Windkraftgegner, aber Windkraftkritiker“ bezeichnete. Er stellte die Windstromerzeugung, wie sie derzeit praktiziert wird, als ineffizient dar („würden die Betreiber Speicher bauen, sähe die Sache anders aus“), monierte, dass bei Überproduktion auch Strom vergolten wird, den das Netz gerade nicht braucht, und kritisierte, dass die Rolle des Infraschalls offiziell nicht ausreichend beachtet wird: „Die Gesetze und Normen sind falsch, PNE kann nichts dafür.“ Während Artinger auf negative gesundheitliche Auswirkungen durch Infraschall abhob, bemerkte ein PNE-Vertreter, dass es dazu auch andere wissenschaftliche Auffassungen gebe.

Gefragt wurde auch nach dem Nutzen für den Ort: Dazu hieß es von PNE, dass die Landwirte, die die Flächen für die Anlagen zur Verfügung stellen, sich bereit erklärt haben, einen Obolus in einen gemeinnützigen Topf für den Ort zu zahlen.

Die Boitzenhagener, so bilanzierte Stehr am Ende der Veranstaltung, wollen nun schauen, was sie noch unternehmen können. Auch eine Abstimmung im Ort hätte wohl keine verhindernde Wirkung gehabt, sagte der künftige Stadtbürgermeister Andreas Ritter, der den Info-Abend begleitete. Was den Investoren nun noch fehlt, ist das grüne Licht aus Braunschweig: Das Amt für regionale Landesentwicklung hat den Wind-Plänen des Regionalverbands bislang noch nicht seinen Segen erteilt.

VON HOLGER BODEN

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare