Wittingen in der Literatur: Vier Autoren haben sich der Stadt bisher angenommen

Fliegen, Kindheit und eine Nonne

Wittingen. Zeitzeugenberichte erleben derzeit in Wittingen einen regelrechten Boom – am 26. April wird der nächste vorgestellt (das IK berichtete). Die Schilderungen historischer Begebenheiten durch „normale“ Bürger üben eine große Faszination auf die Leser aus.

Doch wie ist es eigentlich um die „Profis“ oder Hobby-Autoren bestellt? Dass auch Literaten sich durchaus schon mit Wittingen befasst haben, zeigt die folgende Übersicht.

Da wäre zunächst Dr. med. Max Langerhans (1851 bis 1941) zu nennen. Er hat aus der Zeit um 1880 plattdeutsche Geschichten veröffentlicht: „Ut de Lüneborger Hai“ (2. Auflage 1930 und neu aufgelegt 1978 in Hannover). Langerhans war 1878 bis 1888 Landarzt in Wittingen. Über seine Zeit in der Brauereistadt schreibt der Mediziner: „Min Wittinger Tid (is) eene schöne, eene wunnerschöne, ja et kann wesen, die schönste Tid in min’n ganzen Lewen west!“ (S. 11). Und über Wittingen schreibt er: „Dat ich dunn in Wittingen noch so eene Ort Handwerk heww kennen lehrt un so een Börgerstand, denn et wören nich blot de Schausters, nee et wören ok de Dischers und de Sniers und de Timmerlüe und de Mürkers und all de Annern, de noch mit echten, olen dütschen Börgerstolz an ehr Handwark und an ehr Arbeit hungen und ok hüt noch hangt.“ (S. 13).

Die Geschichten erzählen von „klauge Börgers“ und „dumme Buren“ (und umgekehrt), von Dr. Strull, dem Arztkollegen in Wittingen, vom „Apteiker“ Rex und dessen Provisor Stuckenschmidt, von Pastoren, vom Bader Münter, von den Gastwirten Schulte und Stackmann und von anderen Bewohnern der Region. So wird der Bader einmal zum Zähneziehen nach Stöcken geholt, aber Zähne gibt es nicht mehr zu ziehen, dafür kommt er zurück nach Hause mit einer guten Mettwurst. Provisor Stuckenschmidt lässt Fliegen zu medizinischen Zwecken für die Apotheke aufkaufen, weist aber die „Fleigenböcke“ als unbrauchbar zurück. Gastwirt Stackmann bringt bei zwei Prozesshanseln einen Vergleich zustande, über den sich Amtsrichter Töpel in Isenhagen nur wundern kann. Pferdehandel, politische Händel und Kirchenschlaf sind andere Themen, über die berichtet wird. Klug, zugewandt und amüsant weiß Langerhans zu erzählen.

Ein Zeitgenosse war Karl Söhle (1861 bis 1947). Der Musiker, Lehrer und Literat, dessen Andenken vor allem in Hankensbüttel hochgehalten wird, gibt Hinweise zum Alltagsleben in Wittingen aus der Zeit um 1885 in seinem Buch „Musikantengeschichten“ (erschienen 1919 in Leipzig).

Schrieb über „Strulleborn“: Karl Söhle. Foto: Archiv

Söhle war in Wittingen von 1883 bis 1885 Lehrer, aber seine Dienstzeit ist ihm nicht in besonders guter Erinnerung. Im Buch hat Wittingen den wenig schmeichelhaften Namen „Strulleborn“. In der Geschichte „Der Heldentenor“ werden unter anderem die Ereignisse um die Beschaffung und Einweihung des Kriegerdenkmales 1870/71 (heute vor dem Gedenkhain bei der Nachteweide) beschrieben. In „Die Tretetrommel“ geht es um Listen, Winkelzüge und Intrigen, die allerdings nicht immer erfolgsgekrönt waren. Örtlicher Schwerpunkt der „Musikantengeschichten“ und anderer Veröffentlichungen Söhles blieben aber immer Hankensbüttel und Umgebung.

Für das nächste Hervortreten Wittingens in der Literatur müssen wir schon ins späte 20. Jahrhundert springen. Der heute in München lebende Autor Hans Pleschinski, 1956 in Wittingen geboren, hat in seinem Buch „Ostsucht. Eine Jugend im Deutsch-Deutschen Grenzland“ (München 1993) das Wittingen um 1970 beschrieben. Er sagt selbst (S. 18): „Ohne mit Absicht nachzuschönen, kann ich sagen, daß ich hier…eine glückliche Kindheit und beste frühe Jugend zubrachte.“

Über Irrungen und Wirrungen: Hans Pleschinski. Foto: dpa

Pleschinski beschreibt Wittingen als lebhaftes Städtchen, und sein Elternhaus (eine Schmiede vor dem Wall an der Straße nach Knesebeck) als „ein tumultöses Haus“, was sich ergab aus dem Besuch der umfangreichen Kundschaft, die sich auch gerne einmal zum Plaudern beim ausgiebigen Frühstück (und zu anderen Mahlzeiten) einfand. Hinzu kam die zahlreiche Verwandtschaft, die aus „etwa sechzig Onkel und Tanten, näheren und ferneren Grades“ und zahlreichen „Halb-, Viertel- und Achtelkusinen und -vettern“ bestand.

Auch von den Irrungen und Wirrungen in Wittingen berichtet Pleschinski, wie Ehen zustande kamen und was sonst noch so alles geschah – tagsüber und bei Dunkelheit. Er schließt diesen Abschnitt seines Buches: „Diese Opulenz, dies laute Leben mit vielen Gästen…waren die Nachwehen einer alten Zeit.“

Ein weiteres Buch von ihm enthält ebenfalls Hinweise auf Wittingen: „Bildnis eines Unsichtbaren“ (München 2004). Der Rückblick auf Wittingen („unser Kaff“) fällt diesmal auf Seite 19 etwas distanzierter aus, aber auf Seite 53/54 wird wieder anteilnehmend-unterhaltsam über die große vielfältige Verwandtschaft und anderes berichtet.

Wittingen im Mittelalter: Stephan M. Rother. Foto: Boden

Und dann ist da noch Stephan M. Rother. Der in Wittingen geborene Wahl-Bodenteicher, Jahrgang 1968, lässt in seinem Debütroman „Der Adler der Frühe“ (Karfunkel Verlag, 2000) die junge Augustinernonne Agnetha im Jahr 1292 an den Knesebeckschen Hof kommen. Wittingen steht nicht im Mittelpunkt des Buches, aber die (fiktiven) mystischen Ereignisse rund um die Bodenteicher Burg sind dennoch von Interesse für Freunde lokaler Literatur.

Einen weiteren Auftritt gönnt Rother seinem Heimatort in seinen Dorian-Grave-Thrillern (Baumhaus, 2008 und 2009). Allerdings taucht der Name „Wittingen“ dort nicht auf. Das Örtchen „Waldlingen“ vereint Aspekte Hankensbüttels (wo der Autor das Gymnasium besuchte), Bodenteichs und eben auch Wittingens.

Von Kurt-Ulrich Blomberg und Holger Boden

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