Wittingen: Kirchengemeinde St. Stephanus hofft auf Hilfe von der Stadt

Zu wenige Beerdigungen: Finanznot durch Friedhöfe

Soll in 50 Jahren ein Park werden: der Wittinger Stadtfriedhof. Foto: Boden
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Soll in 50 Jahren ein Park werden: der Wittinger Stadtfriedhof.
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Wittingen. Es klingt erst einmal paradox: Seit Jahren verzeichnet Wittingen mehr Sterbefälle als Geburten – und doch finden auf dem Stadtfriedhof und dem Südfriedhof insgesamt zu wenige Beerdigungen statt.

Zu wenige, als dass die Kirche die beiden Anlagen kostendeckend betreiben könnte. Die Kirchengemeinde St. Stephanus hat sich deshalb jetzt mit der Bitte um finanzielle Hilfe an die Stadt gewandt.

Die Zahlen der letzten Jahre sind zwar relativ konstant, aber es müssen früher einmal deutlich mehr Beerdigungen gewesen sein: Im Jahr 2000 waren es 66 auf beiden Friedhöfen, 2005 dann 67, 2015 waren es 58. „Auf dem Stadtfriedhof haben wir inzwischen mehr Aufhebungen von Grabstätten als neue Bestattungen“, sagt Pastorin Johanna Wutkewicz, die die Kirche vor die Herausforderungen einer gewandelten Bestattungskultur gestellt sieht: mehr anonyme Gräber, Urnenbeisetzungen, Friedwälder. Das klassische Grab ist seine Monopolstellung längst los, auch, weil Angehörige oft ganz woanders wohnen und sich um die Pflege nicht kümmern können oder wollen. Wutkewicz beobachtet gar einen „totalen Umbruch“.

In der Kirchengemeinde sei daher folgende Erkenntnis gereift: „Zwei Friedhöfe sind zu groß für Wittingen.“ Das Problem: Die großen Anlagen verursachen Kosten für Unterhaltung, aber die Einnahmen sind bei Weitem nicht kostendeckend. „Wir machen jedes Jahr ein Minus, weil die Friedhöfe mehr Ausgaben produzieren als Einnahmen.“ Die Gemeinde müsse deshalb inzwischen Geld aus ihren Rücklagen nehmen.

Das Sterben hat also auch eine ganz profane, finanzielle Seite, die sich für die Kirchengemeinde nicht ignorieren lässt. Das weiß man auch im Rathaus, wo vor einigen Jahren die Gebühren für die Friedhöfe auf den Dörfern auf den Prüfstand kamen und letztlich auch erhöht wurden – allerdings nicht kostendeckend, weil man in Politik und Verwaltung zu dem Schluss kam, dass das keiner bezahlen könnte. Bestattungen auf den unter städtischer Ägide stehenden Dorffriedhöfen blieben deutlich günstiger als auf den beiden Wittinger Anlagen.

Dass die Kirche überhaupt für deren Verwaltung und Pflege zuständig ist, geht laut Wutkewicz auf einen Vertrag zurück, der in den 80ern von Stadt und Kirche geschlossen wurde. Und dieser Vertrag räume der Kirchengemeinde auch das Recht ein, die beiden Friedhöfe – unter Wahrung einer gewissen Frist – zurückzugeben. In Gesprächen mit der Stadt sei schnell klar geworden, dass dort kein Interesse an einer Rücknahme besteht.

Wutkewicz sieht die originäre kirchliche Aufgabe in der christlichen Bestattung, nicht in der Pflege von Anlagen. Gleichwohl: Die Rückgabe-Option wolle man gar nicht unbedingt ziehen, so die Pastorin, die das Anliegen kürzlich dem städtischen Verwaltungsausschuss vorstellte. Die Hoffnung der Kirche sei es, dass die Stadt einen jährlichen Zuschuss zur Unterhaltung der beiden Friedhöfe zahlt und/oder personelle und materielle Unterstützung leistet. Es gehe um eine Größenordnung von 10 000 Euro pro Jahr.

Laut Stadtbürgermeister Karl Ridder gibt es zu dem Anliegen bisher keinen Beschluss. Eine mögliche finanzielle Beteiligung sei „andiskutiert“ worden, zunächst aber sollen weitere Gespräche mit der Kirchengemeinde geführt werden.

Die aktuelle Problematik betrachtet man in der Kirchengemeinde auch vor dem Hintergrund, dass aus dem Stadtfriedhof irgendwann einmal ein Park werden soll – diese Beschlusslage gehe auch auf die 80er Jahre zurück und sei schon bei der Gründung des Südfriedhofs klar gewesen. Demnach sollen noch bis ins Jahr 2040 Bestattungen auf dem Stadtfriedhof stattfinden, Ende 2065 laufe dort dann die letztmögliche Ruhefrist aus. Zurückbleiben sollen dann nur noch Gräber von Personen mit stadtgeschichtlicher Bedeutung.

Von Holger Boden

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