Bei der Telefonseelsorge des Kirchenkreises Wolfsburg-Wittingen gehen 14.500 Anrufe pro Jahr ein

Fallzahlen am Anschlag

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Ein Mann ruft mit seinem Handy bei der Telefonseelsorge an. In Wolfsburg stehen die Telefone nur ganz selten still, die Mitarbeiter nehmen pro Jahr fast 15 000 Anrufe entgegen. 

Wolfsburg/Wittingen. Einsamkeit – eines der großen gesellschaftlichen Probleme unserer Tage. „Um dieses Thema geht es bei uns immer häufiger“, sagt Petra Kretschmer.

Petra Kretschmer

Sie leitet die Telefonseelsorge des Kirchenkreises Wolfsburg-Wittingen und weiß deshalb, was Menschen bedrückt. Dass ihre 66 ehrenamtlichen Mitarbeiter derzeit generell mehr Anfragen oder Hilferufe registrieren als noch vor einigen Jahren, das lässt sich derweil nicht behaupten – denn die Fallzahlen sind längst am Anschlag.

„Zuletzt waren es konstant etwa 14.500 pro Jahr“, sagt Kretschmer. Und das könne sich kaum noch steigern – wenn man von leichten Schwankungen absieht, die durch unterschiedliche Dauer der Telefonate bedingt sind: „Das Telefon klingelt im Prinzip rund um die Uhr. Mehr schaffen wir gar nicht.“

Der Bedarf für anonyme erste Hilfe in Lebenskrisen und seelischen Extremsituationen ist also groß in der Region. Bei den Wolfsburger Beratern melden sich Menschen mit Süchten, mit psychischen Krankheitsbildern, mit depressiver Verstimmtheit. Oft stehen dahinter Belastungen in der Familie, Sorgen und Verunsicherung am Arbeitsplatz, Mobbing. Oder eben Einsamkeit. Und an Heiligabenden das breite Feld familiärer Unwuchten.

Und manche Probleme münden auch in Selbstmordabsichten. Solche Klienten melden sich verstärkt über den neuen Online-Kanal der Telefonseelsorge, der zu Ostern ans Netz gegangen ist. Zehn Mitarbeiter aus dem Team sind in diesem Bereich tätig, vier von ihnen ausschließlich dort. Kretschmer schätzt, dass per E-Mail oder Chat zunächst eine Fallzahl von 700, hochgerechnet aufs Jahr, bearbeitet werden kann. Tendenz steigend, der Bereich soll ausgebaut werden.

Geht es bei rund 2 Prozent der Anrufer um suizidale Tendenzen, so sind es in der Online-Beratung sogar 11 Prozent. Kretschmer führt das auf eine von den Klienten offenbar „gefühlte“ noch größere Anonymität zurück. Ohne Stimme.

Die Telefonseelsorge in Wolfsburg hilft inzwischen auch per Mail oder Chat. 

Das elektronische Postfach ist in der Regel immer gefüllt, und am Telefon gibt es höchstens nachts gegen 3 Uhr mal Klingelpausen. Dafür haben die nächtlichen Anrufe häufig etwas Akutes, es geht tendenziell vor allem darum, den Hilfesuchenden zu beruhigen. Tiefergehende Problemanalyse ist oft eher tagsüber angesagt.

Zuhören, eine Beziehung aufbauen, genau wahrnehmen, was den anderen belastet: Das ist die Maxime, die für die Ehrenamtlichen an den Telefonen gilt. Doch was sagt oder schreibt man jemandem, der gerade seinen Freitod ankündigt? „Wir fragen erst einmal: Warum heute?“, erläutert Kretschmer. „Wir machen den Anrufer darauf aufmerksam, dass es dann endgültig wäre, und ob es nicht vielleicht lohnenwert wäre, noch einmal darüber nachzudenken.“

Die Konfrontation mit derart existenziellen Problemen ist auch für die Mitarbeiter der Telefonseelsorge sehr fordernd: „Mancher Anrufer hat aus seinem Leben so viel Schreckliches zu berichten – das ist mitunter schwer zu verarbeiten“, erzählt Kretschmer. Die Mitarbeiter bekommen deshalb selbst psychologische Supervision. Und sie bekommen die goldene Regel an die Hand, dass sie sich letztlich keine Selbstvorwürfe machen müssen, wenn ihre Beratung, ihr Zuhören nicht fruchtet. Kretschmer formuliert das so: „Der Ratsuchende hat die Verantwortung für sein eigenes Leben.“

Wer bei der Wolfsburger Telefonseelsorge an den Apparaten sitzt, der ist zuvor zwölf Monate lang einmal wöchentlich darauf vorbereitet worden. Für das Online-Segment dauert die Ausbildung sechs Monate. Wer dann zum Team gehört, übernimmt zwei bis drei mal pro Monat eine der Vier-Stunden-Schichten, oder auch mehr. „Das kann man sich einteilen“, sagt Kretschmer, die die Telefonseelsorge seit sechseinhalb Jahren leitet. Man darf auch mal zwei Monate aussetzen. Einige sind seit 30 Jahren dabei.

Welche Menschen melden sich für diese herausfordernde Aufgabe? Kretschmer sagt, die Freiwilligen sind „oft 58+“, stehen am Beginn des Ruhestands – und suchen eine sinnstiftende Aufgabe. Die jüngste Mitarbeiterin ist 28. Auch wenn die Telefonseelsorge zum Kirchenkreis gehört: Längst nicht alle stammen aus einem christlichen Umfeld. „Das ist auch keine Bedingung“, sagt Kretschmer.

Im gleichen Maße gilt auch für die Beratung: Jedem wird geholfen. „Wir sind für alle Menschen in Not da“, sagt Kretschmer. „Wir fragen nicht nach Konfession oder Herkunft.“

Belohnt werden die Helfer durch eine gute Gemeinschaft, auch Freundschaften sind im Team schon entstanden. Und auch die Dankbarkeit von Klienten kann auf einen Schlag die ganze Mühe wettmachen. Kretschmer erinnert sich: „Mir schrieb mal jemand: ‘Ich wollte mir das Leben nehmen und habe es dann nicht getan – dazu haben Sie beigetragen’.“

Von Holger Boden

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