Möglicherweise prähistorische Wallanlage auf Glüsinger Gebiet / Untersuchungen geplant

Eine Frage von Jahrtausenden

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Da war wohl vom Hünenkamp noch etwas zu sehen: die Planaufnahme durch den Prähistoriker Carl Schuchhardt, die er für den „Atlas vorgeschichtlicher Befestigungen in Niedersachsen“ (Heft VIII, 1905) anfertigte.

Wittingen. Gab es westlich von Wittingen schon in vorgeschichtlicher Zeit menschliche Besiedlung? Die Gifhorner Kreisarchäologie ist den Überresten einer Wallanlage auf der Spur, deren Alter sich bislang nicht genau datieren lässt.

Was aber anhand von Luftbildern bekannt ist, gibt zumindest Hinweise darauf, dass das untergegangene Bauwerk mehrere tausend Jahre alt sein könnte.

Mitglieder der Archäologischen Arbeitsgemeinschaft im Oktober beim Glüsinger Hünenkamp. 

Der Standort firmiert unter der Bezeichnung „Hünenkamp“ und liegt nach Angaben des Kreisarchäologen Ingo Eichfeld in der Gemarkung Glüsingen, nicht weit von Hafen und Elbe-Seitenkanal. Den genauen Standort möchte er ungern veröffentlicht sehen, damit nicht Hobby-Archäologen mit eigenen Grabungen auf dem heute landwirtschaftlich genutzten Areal beginnen – auch, weil das die betroffenen Landwirte eher nicht amüsieren würde.

Im öffentlichen Wittinger Bewusstsein spielt der Hünenkamp augenscheinlich keine große Rolle. Ganz neu ist die Erkenntnis indes nicht, dass da westlich von Glüsingen etwas in der Erde ist, über das seit Jahrhunderten der Pflug hinweggegangen ist. Der Prähistoriker Carl Schuchhardt (1859 bis 1943) hat den Hünenkamp 1905 in einem „Atlas vorgeschichtlicher Befestigungen in Niedersachsen“ dokumentiert. Zudem gibt es eine leicht schematisierte Darstellung auf einer Karte der kurhannoverschen Landesaufnahme aus dem späten 18. Jahrhundert. Die Luftbildarchäologie hat die Fundstelle in den 80er Jahren erneut sichtbar gemacht, zudem hat die Kreisarchäologie kürzlich Drohnenbilder anfertigen lassen.

Auch in Glüsingen selbst kennt man die archäologische Fundstelle, die sich laut Uwe Hoppmann auch in der Glüsinger Chronik wiederfindet. Der Ortsvorsteher sagt, er begrüße es, wenn dort nun neue Untersuchungen unternommen werden sollten.

Doch was genau verbirgt sich da unter der Ackerkrume? Eichfeld skizziert das einstige Bauwerk als ovale Wallanlage, die von Ost nach West mehr als 400 Meter misst und ein Areal von etwa 12 Hektar einnimmt. Vorgelagert sei ein etwa 9 Meter breiter Graben – nur der sei auch auf den Luftbildern noch zu sehen.

Eichfeld nimmt an, dass die Anlage zu Zeiten Schuchhardts im Gelände noch erkennbar gewesen sein dürfte. Wollen die Archäologen jetzt mehr über diese Spuren vergangener Zivilisation herausfinden, dann müssen sie graben – und bohren.

Letzteres hat die Archäologische Arbeitsgemeinschaft des Landkreises im Oktober auch bereits getan: Eichfeld berichtet, dass in einem Bohrstock die Schichten gut erkennbar gewesen seien, die auf Besiedlung und Bautätigkeit schließen lassen.

Die spannende Frage nach dem Alter beantwortet diese Untersuchung aber noch nicht. „Dafür fehlen uns Funde“, sagt der Kreisarchäologe. Vielleicht weiß man gegen Ende des Jahres schon etwas mehr: Eichfeld will Geld für einen Baggereinsatz beantragen, der dann vielleicht im Spätsommer über die Bühne gehen könnte. Zeugnisse handwerklichen Schaffens – Reste von Gefäßen etwa, oder Werkzeuge – würden bei der Datierung enorm helfen.

Die bleibt damit vorerst weitgehend Spekulation, wie Eichfeld einräumt. Doch immerhin gibt es Indizien: Der Hünenkamp-Halbkreis ähnelt laut Eichfeld einer Anlage bei Bremerhaven, und die stamme wohl aus der Zeit um Christi Geburt. Und bei Braunschweig gebe es eine archäologische Stätte, die dem Glüsinger Wallwerk „von der Topographie her ähnlich“ sei. Deren Erbauungszeit werde auf 4200 bis 3500 vor Christus geschätzt. Keine Frage von Jahrhunderten also – eher von Jahrtausenden.

Von Holger Boden

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