„Ein bedeutendes Jahr“

Denis Schröder (hinten l.) mit der ganzen „Familie“ des Hauses in Ibarra, in dem er seinen Dienst verrichtete.

Glüsingen - Von Sabine Peter. Denis Schröder (21) aus Glüsingen hat ein Jahr in Ecuador in Südamerika verbracht und dort in der Stadt Ibarra in einem Heim für behinderte Kinder gearbeitet (das IK berichtete). Im Rahmen der Fundación Cristo de la Calle (frei übersetzt: Einrichtung Christus von der Straße) leistete er dort ein Jahr „anderen Dienst“, der als Ersatz für den Zivildienst in Deutschland gilt. Die vergangenen zwei Monate erkundete er als Tourist den Kontinent. Jetzt ist der freie Mitarbeiter des IKs zurück in der Heimat und berichtet über seine Erlebnisse in der dritten Welt.

IK: Willkommen zurück. Zuerst einmal: Wie bist du darauf gekommen, ein Jahr lang soziale Arbeit in Lateinamerika zu leisten?

Denis Schröder: Ich musste ohnehin meinen Zivildienst leisten und wollte gern ins Ausland. Außerdem wollte ich schon immer nach Lateinamerika reisen, meine Tante hatte mir davon vorgeschwärmt. Dass das Land schön ist, wusste ich zwar, konnte mir im Vorfeld aber kein Bild davon machen.

IK: Wenn du deinen Aufenthalt dort in wenige Worte fassen könntest, welche wären das?

Schröder: Aufregend, anders, aufschlussreich und viele neue Bekanntschaften.

IK: Hast du noch Kontakt zu den neuen Bekanntschaften?

Schröder: Ich habe viele neue Freunde gefunden und zu manchen habe ich auch noch Kontakt. Mit der Familie, in der ich in Ecuador gelebt habe, telefoniere ich hin und wieder, zumal ich auch Pate zu einem Kind in der Einrichtung bin, in der ich gearbeitet habe. Internet gibt es dort zwar, gerade in den ärmeren Schichten sind die Menschen damit aber nicht so vertraut.

IK: Wo hast du deinen Dienst getan?

Schröder: Es gibt in der Stadt Ibarra vier Häuser der sozialen Einrichtung, wo jeweils in familienähnlichen Verhältnissen gelebt wird. Straßenkinder und behinderte Kinder, die keinen Familienanschluss haben, leben dort. In einem dieser Häuser habe ich gelebt und mit den Kindern gearbeitet.

IK: Eine anspruchsvolle Aufgabe. Wie sah dein Alltag dort aus?

Schröder: Morgens habe ich die Kinder geweckt und sie beim Anziehen und Frühstücken begleitet. Danach habe ich sie in die Schule oder später zur Therapie gebracht. Wenn ich in diesem Bereich nicht gebraucht wurde, konnte ich im Büro der Einrichtung bei der Buchführung helfen. Zwischen den Kindern und mir hat sich während der Zeit großes Vertrauen aufgebaut. Ich stand zu ihnen im Verhältnis wie ein großer Bruder.

IK: Mit Deutsch bist du dort wahrscheinlich nicht weit gekommen. Welche Sprache wurde dort gesprochen?

Schröder: Wir haben uns auf Spanisch unterhalten, was ich komplett neu lernen musste in der Zeit dort. Ein Bekannter von mir ist Kubaner und hatte mir vorher zwar einige Worte beigebracht, sehr weit kommt man damit aber nicht. Allerdings konnte ich Französisch, das hat mir weitergeholfen. Die ersten Monate waren zwar schwer, in einem Jahr kann man aber gut Spanisch lernen.

IK: Warst du der einzige in dem Haus, der seinen sozialen Dienst geleistet hat?

Schröder: Ich hatte noch drei Mitstreiter. Fünf zu betreuende Kinder waren das ganze Jahr über da. Andere kamen dann noch vereinzelt dazu. Die Kinder waren zum Teil Waisen und kamen aus zerrütteten Familienverhältnissen. Beispielsweise saßen die Eltern im Gefängnis, die Kinder waren Vergewaltigungsopfer, wurden geschlagen oder kamen von der Straße. Außerdem hatten alle eine Behinderung, die in Therapien behandelt wurde.

IK: Du hast traurige Schicksale kennen gelernt...

Schröder: Die Mutter eines Mädchens aus der Einrichtung starb bei der Geburt. Vom Vater wurde das Mädchen vor dem Haus wie ein Hund gehalten. Als sie in die Einrichtung kam, konnte sie nicht sprechen, gehen oder auf die Toilette gehen. In dem Haus der Fundación hat sie dies alles gelernt.

IK: Welche Zukunft haben diese Kinder, die du betreut hast?

Schröder: Wenn sie gefördert werden, sind sie auch bereit zu arbeiten und erbringen auch gute Noten in der Schule. Mit letzterem können sie aber nicht viel anfangen, denn das Geld fehlt für die weitere Bildung. Daher gehen diese Kinder dann auch ins Handwerk.

IK: Sie haben also nichts zu befürchten, was schlimmer als ihre Vergangenheit ist.

Schröder: Genau. Wer keine Arbeit findet, kann in der Gemeinschaft mithelfen. Jeder kann also seinen Beitrag leisten. Die Älteste in dem Haus, in dem ich lebte, war 20 und hat beispielsweise den Haushalt gemacht. Die Kinder lernen eigenständig zu sein, um nicht in die Familien zurück zu müssen, in denen es ihnen nicht gut gehen würde.

IK: Das Jahr mit der Arbeit und den vielen Eindrücken dort hat dich sicher geprägt. Was nimmst du aus dieser Zeit mit?

Schröder: Vorweg erstmal: Ich habe etwas anderes erlebt als ich erwartet habe, obwohl ich eigentlich ohnehin keine großen Erwartungen hatte. Ich hätte nicht gedacht, dass man in einem Jahr so viele Freunde kennen lernt. Und diese Freundschaften halten selbst über tausende Kilometer.

IK: Welchen Eindruck hattest du von der Gegend?

Schröder: In Ibarra gab es an Lebensmitteln alles, was man braucht. Die Gehwege sind kaputt, die Häuser alt. Die Landschaft ist umwerfend schön. Auf dem Land, wo auch ich lebte, ist die Armut extrem. Das ist paradox, denn die Provinz ist aufgrund des vielen Tourismusses reich. Die Produkte der Bauern werden aber extrem billig verkauft. Neben der Küste und den Anden gibt es auch den Urwald, in dem Gemeinden wohnen, die vom Dschungel leben.

IK: Die letzten zwei Monate hast du dann aber als Tourist verbracht...

Schröder: Peru, Bolivien, Chile und Argentinien habe ich besucht.

IK: Würdest du diese Erfahrung weiter empfehlen?

Schröder: Auf jeden Fall. Ich habe zig Kulturen kennen gelernt, neue Freunde gefunden und bin reifer geworden. Das war mit Sicherheit das bedeutendste Jahr in meinem Leben. Es gibt auch vom Bund geförderte Programme, die finanziell unterstützen und Stellen in der ganzen Welt anbieten.

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