Rathauschef war Teilnehmer der ersten „Fachkonferenz Teilgebiete“

Wittingen: Dünne Datenlage bei Endlagersuche

Der Empfangsbereich für hochradioaktiven Atommüll in Gorleben (Archivbild von 2016).
+
Der Empfangsbereich für hochradioaktiven Atommüll in Gorleben (Archivbild von 2016).
  • Holger Boden
    vonHolger Boden
    schließen

Macht sich Wittingen zu Recht Sorgen wegen der Endlager-Suche? Oder ist das komplett unnötig? Eine Frage, die auch nach der ersten „Fachkonferenz Teilgebiete“ weiter im Raum steht.

Wittingen – Die tagte am Wochenende online, und Details zu einzelnen Standorten spielten dabei noch gar keine Rolle.

Das war auch nicht unbedingt zu erwarten gewesen, denn seit der im September erfolgten Bekanntgabe der sogenannten Teilgebiete – in denen potenziell ein Endlager eingerichtet werden könnte – haben sich die Datengrundlagen zu den Standorten nicht verändert. Der digitale Beratungstermin war der erste Teil der Öffentlichkeitsbeteiligung, 1600 Nutzer waren angemeldet, meist waren um die 800 Teilnehmer online. Zu ihnen gehörte auch Wittingens Stadtbürgermeister Andreas Ritter,

Der Rathauschef berichtet, dass es zu einem großen Teil um Fragen des Verfahrens und der Beteiligung ging, und dass der gewählte Modus kontrovers diskutiert wurde: „Es gab auch Anträge für ein Moratorium.“ Kritiker monieren, dass die digitale Variante in einer so wichtigen Frage nicht die richtige sei – und dass man das Verfahren wegen Corona lieber verschieben solle. Das Nationale Begleitgremium (NBG) für die Endlagersuche zog gestern das Fazit: „Besser als gedacht – aber es gibt auch deutliche Kritik.“ Das digitale Format habe vor allem kaum echte Dialoge zugelassen.

Kritik an dünner Datenlage

Ritter fand die Online-Tagung von Freitagnachmittag bis Sonntag dennoch „nicht langweilig“ – es sei gut, dass nun ein Einstieg gemacht wurde. Er hat aus dem Wochenende unter anderem die Frage mitgenommen, ob die Bundesgesellschaft für Endlagerung mit ihrem Zwischenbericht im September nicht deutlich zu früh an die Öffentlichkeit gegangen ist. Denn bei acht von elf geologischen Kriterien der Standorte – auch jener, die Wittingen betreffen würden – diskutiere man derzeit über Referenzdaten, also nicht über individuell ermittelte Angaben. Die Datengrundlage sei also noch recht dünn.

Bereits im Vorfeld der Fachkonferenz-Tagung hatte die Anti-Atom-Organisation „ausgestrahlt“ scharfe Kritik an den Datenmängeln bei der Benennung der Teilgebiete geübt. Von den Bundesländern zur Verfügung gestellte geologische Daten seien nicht verwendet worden, dadurch seien viel zu große Gebiete ausgewiesen worden. Und dort, wo man gar keine Daten hatte, seien von der BGE ideale Bedingungen postuliert worden.

Sorgen verfrüht?

Daraus leitet sich für Ritter die Frage ab, ob man sich in Wittingen eventuell Sorgen macht, die nicht sein müssten. Der Salzstock Wittingen etwa gehört zu den 90 veröffentlichten Teilgebieten, doch an der Oberfläche steht der Ort darauf – da sei die Eignung mehr als zweifelhaft. Ähnliches gelte für den Salzstock Vorhop, wo zudem durch Erdölförderung ein ziemlich löchriger Untergrund vorliegt. Ein Gutachten von Mitte der 90er Jahre hatte den Salzstöcken Wittingen und Vorhop bereits mangelnde Eignung bescheinigt, umso erstaunlicher, dass sie nun im 21. Jahrhundert ein zweites Leben als Teilgebiet führen dürfen.

Der Salzstock Waddekath, drei Kilometer von Wittingen gelegen, warf in der sogenannten Salzstudie von 1994 zwar auch Zweifel auf, landete aber schließlich unter den vier bestgeeigneten – oder am wenigsten ungeeigneten? – Standorten.

So fragt sich Ritter durchaus: „Wie groß ist das Fass, das wir derzeit hier aufmachen sollten?“ Er will aber auf Wachsamkeit setzen und an seinem Vorhaben festhalten, den interkommunalen Austausch mit ebenfalls potenziell betroffenen Gemeinden zu suchen. „Dann“, so der Rathauschef, „kann man beim nächsten Mal vielleicht auch noch zielgerichtetere Fragen stellen.“

Dieses nächste Mal wird der zweite Beratungstermin der Fachkonferenz Teilgebiete sein, nach Stand der Dinge wieder online. Der Termin ist am Wochenende vom April in den Juni verschoben worden, der ursprüngliche Juni-Termin wandert dafür in den August. Das zeige, dass die Menschen sich mehr Zeit wünschen, heißt es dazu vom Nationalen Begleitgremium. Das NBG begrüße das angesichts der Komplexität des Themas.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare