Firma Zschumme und Flüchtling Mohammad Moradi hoffen auf längerfristige Perspektiven

Drei Jahre Ausbildung – und dann?

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Der Wittinger Unternehmer Hartmut Zschumme (l.) und Juniorchef David Zschumme (r.) wollen Mohammad Moradi gern eine Perspektive in ihrem Dachdeckereibetrieb geben.

Wittingen. Können Flüchtlinge helfen, den Lehrlings- und Fachkräftemangel zu mildern? Ja, meint der Wittinger Unternehmer Hartmut Zschumme – der selbst einen jungen Geflüchteten eingestellt hat. Zschumme vermisst allerdings klare Perspektiven für Firmen, die Flüchtlinge einstellen oder ausbilden:

„Die Bedingungen ändern sich ständig. Ich hätte gern Sicherheit, meinen Auszubildenden halten zu dürfen. “.

Seit Mitte August lernt Mohammad Moradi bei der Firma Zschumme das Handwerk des Dachdeckers. Der 17-Jährige stammt aus Afghanistan, im Herbst 2015 flüchtete er nach Deutschland, nach zwei Monaten in Lüneburg kam er nach Wittingen. Der junge Moslem, der im April volljährig wird, hat unter anderem einen sechsmonatigen Deutschkurs an der Oskar-Kämmer-Schule in Gifhorn absolviert und die Wittinger Oberschule besucht. Er spricht bemerkenswert gut Deutsch. Seine Muttersprache ist Usbekisch, in der Schule in Afghanistan hat er Persisch gelernt.

Über ein Praktikum lernte Moradi die Dachdeckerei Zschumme kennen. „Wir fanden es ziemlich gut, wie er sich da präsentierte“, sagt Firmenchef Hartmut Zschumme. „Es war zu erkennen, dass er Lust auf die Arbeit hat, er zeigt sich lernwillig. Ein sympathischer Junge.“

Moradi gibt an, aus Afghanistan geflohen zu sein, weil er für sich dort keine Zukunftsperspektive sah. „Ich komme aus einem kleinen Dorf, das vom IS kontrolliert wird“, berichtet der 17-Jährige. „Mir wurde klar, dass ich dort nichts erreichen kann.“ Der junge Flüchtling schildert, wie der IS ihn und andere aus dem Dorf in eine Moschee einlud, um sie anzuwerben. „Ich dachte mir, dafür bin ich nicht da“, sagt Moradi. Er wollte nur noch weg. Pläne, anderswo in Afghanistan oder im Nachbarland Iran sein Glück zu versuchen, zerschlugen sich. Ein Schleuser schlug ihm vor, es in Europa zu versuchen.

Bei Firma Zschumme macht er nun laut Hartmut Zschumme eine ganz normale Ausbildung, drei Tage Betrieb, zwei Tage Berufsschule, kein besonderes Programm. Für die drei Jahre, die die Lehre dauert, hat er eine Aufenthaltsgenehmigung. „Was dann passiert, wissen wir nicht“, sagt der Wittinger Unternehmer, der sich sehr gut vorstellen kann, Moradi dann zu übernehmen. „Es sind schon Leute abgeschoben worden, obwohl sie Arbeit hatten. Ein Arbeitsplatz steigert die Chancen, bleiben zu können, ist aber keine Garantie.“

Das findet Zschumme widersinnig: „Wir haben einen Arbeitskräfte- und Lehrlingsmangel, und es heißt doch immer, die Flüchtlinge sollen integriert werden. Das machen wir hier. Mohammad verdient Geld, er zahlt Steuern. Da sollte man sich lieber über andere Fälle Gedanken machen.“ Zschumme kündigt an, seine Firma werde „mit allen Mitteln“ gegen eine etwaige Abschiebung vorgehen.

Die Flüchtlings-Diskussion in Deutschland verfolgt Moradi selbst sehr genau – über Zeitungen, über Facebook. Er will eine Lanze brechen für sich und andere Geflüchtete: „Wir wollen etwas machen dürfen, ein sinnvoller Mensch sein für diese Welt. Wenn irgendwo ein Ausländer Mist macht, dürfen die Leute nicht denken, dass alle so sind. Es gibt überall gute und schlechte Menschen.“

Moradi, der zu seinen Eltern per Telefon Kontakt hält, hat Angst, nach der Ausbildung abgeschoben zu werden. Er kann sich gut vorstellen, auch danach in dem Betrieb zu bleiben, auch wenn er in Deutschland nun in einer ganz anderen Kultur gelandet ist. Bei der Firma Zschumme achten sie inzwischen darauf, dass bei der morgendlichen Brötchenrunde neben Schweinefleisch auch Hähnchen-Aufschnitt auf den Tisch kommt.

Von Holger Boden

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