Medikationsplan soll Patienten ab morgen bei der Arzneimittel-Einnahme leiten

Dosieren geht über Probieren

Da kann man schon mal den Überblick verlieren: Patienten, die mehrere Arzneimittel parallel nehmen müssen, sollen jetzt durch einen Medikationsplan vor unerwünschten Folgen bewahrt werden.
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Da kann man schon mal den Überblick verlieren: Patienten, die mehrere Arzneimittel parallel nehmen müssen, sollen jetzt durch einen Medikationsplan vor unerwünschten Folgen bewahrt werden.
  • Holger Boden
    VonHolger Boden
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bo Wittingen. Nach Schätzungen von Experten führen Wechsel- oder Nebenwirkungen von Medikamenten jährlich zu 20 000 Todesfällen in Deutschland, zudem landen deshalb rund 500 000 Betroffene in der Notaufnahme.

Das soll verhindert werden: Patienten, die drei oder mehr Medikamente verordnet bekommen, haben nun vom 1. Oktober an Anspruch auf einen kostenfreien, individuellen Medikationsplan.

Den soll in der Regel der Hausarzt ausstellen, mit dem Ziel, für mehr Sicherheit bei der Arzneimitteltherapie zu sorgen. „Der Plan soll Patienten dabei unterstützen, ihre Medikamente richtig einzunehmen“, erläutert Armin Schellin, Regionaldirektor der AOK in Wittingen. „Außerdem hilft das Dokument, mögliche Wechselwirkungen zu erkennen und zu vermeiden.“

Nach Berechnungen der AOK können laut Schellin knapp 30 Prozent der gesetzlich Versicherten von dem Medikationsplan profitieren. Bei den über 75-Jährigen, die im Schnitt fünf verschiedene Wirkstoffe oder Wirkstoffkombinationen einnehmen, seien es sogar mehr als drei Viertel. „Der Medikationsplan bietet eine Übersicht über die verschreibungspflichtigen und – soweit gewünscht – auch der frei verkäuflichen Arzneimittel eines Patienten“, erläutert Schellin. Außerdem enthält er Angaben zum Wirkstoff, zum Handelsnamen, zur Stärke, Darreichungsform und Dosierung. Der Grund der Einnahme sowie Hinweise zur Anwendung können ebenfalls ergänzt werden.

Zunächst erhalten Patienten das Dokument in Papierform. Spätestens 2019 sollen die Angaben auf der elektronischen Gesundheitskarte gespeichert werden. „Sobald sich die Medikation ändert, sollte der Plan aktualisiert werden“, sagt Schellin. Dafür ist in erster Linie der Arzt zuständig, der das Dokument ausgestellt hat. Auf Wunsch des Patienten können auch Fachärzte, Apotheker und Krankenhausärzte den Plan aktualisieren. Um dies zu erleichtern, ist ein sogenannter Barcode auf den Medikationsplan aufgedruckt. Er enthält die Informationen des Plans in digital lesbarer Form und macht es möglich, dass dieser per Scanner eingelesen und aktualisiert werden kann.

Kritik an dem Plan kam zuletzt von ärztlicher Seite: Der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, sieht in dem neuen Dokument einen „Ein-Euro-Job für die Hausärzte“. Vertragsärzte und die Kassen hatten sich zuvor auf eine extrabudgetäre Vergütung von 163 Millionen Euro im Jahr für den Mehraufwand geeinigt.

Weigeldt kritisierte auch die geteilten Zuständigkeiten. „Wenn ein Medikationsplan Sinn machen soll, dann muss er an einer Stelle verantwortlich geführt werden“, sagte er mit Blick auf die mögliche Beteiligung von Fachärzten, Krankenhäusern und Apothekern.

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