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Welche Pläne die Stadt Wittingen für einen möglichen Blackout macht

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Von: Holger Boden

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Eine Person zündet mit einem Stabfeuerzeug ein Teelicht an.
Ein Teelicht kann bei Stromausfall wichtig werden – alle Bürger sind gehalten, sich selbst mit Notvorräten für den Fall eines länger anhaltenden Stromausfalls auszustatten. © Jessica Lichetzki

Wittingen – Vor dem Hintergrund des Krieges, den Russland in der Ukraine führt, wird auch über die Gefahr von Cyber-Angriffen auf westliche Infrastruktur diskutiert – und über einen möglichen Blackout. Viele bundesdeutsche Institutionen sind nicht für solch ein Szenario gewappnet, der Nachholbedarf ist in den letzten Monaten deutlich geworden. Die Stadt Wittingen macht da keine Ausnahme.

„Das Thema ist in den letzten Jahrzehnten vernachlässigt worden“, räumt Stadtbürgermeister Andreas Ritter unumwunden ein und meint damit die lokale wie auch die bundesweite politische Landschaft. 2022 hat mit dem russischen Angriff ein Umdenken eingesetzt, und die Stadt Wittingen hat sich auf den Weg gemacht, Verbesserungen einzuleiten – am Ziel ist sie noch längst nicht.

Die Diagnose: Ein Stromausfall wäre in einer technisierten und digitalisierten Gesellschaft „ein echtes Problem“, wie Ritter sagt. Ein Gutachten des Landkreises Gifhorn bestätige das. Falsche Erwartungen wollen weder der Rathauschef noch die Leiterin der Abteilung für Sicherheit und Ordnung, Bettina Kahrens, wecken: Man werde in einer derartigen Krisensituation nicht alle Versorgungsstrukturen aufrechterhalten können, bedauert Ritter. Und Kahrens betont: „Krisenvorsorge ist auch Privatsache, so hart das klingt.“ Lebensmittel, Trinkwasser, Medikamente, vielleicht gar Notstrom – um diese und andere Dinge des täglichen Lebens sollte jeder Haushalt sich beizeiten selbst kümmern. Das predigt ja auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz seit Jahren.

Was aber macht die Stadt? „Wir arbeiten prophylaktisch“, sagt Kahrens – man wolle möglichst „vor die Lage“ kommen. Das Kernziel für den Tag X: öffentliche Strukturen aufrecht erhalten. Die Verwaltung hat dafür vier Kernthemen identifiziert, an denen gearbeitet werden soll:

• Krisenstab

Ein städtischer Krisenstab soll im Fall der Fälle die Fäden in der Hand halten und die Kommunikation mit anderen Institutionen/Hilfskräften führen: Landkreis Gifhorn, Polizei, Feuerwehren, DRK, THW und so weiter.

Ein Auftaktgespräch hat Ritter zufolge stattgefunden: „Wir sind dabei, den Krisenstab einzurichten und Personen zu benennen.“ Der Stab solle 24 Stunden am Tag handlungsfähig sein, noch zu klären seien Fragen wie IT-Ausstattung und Räume.

• Notstrom

Die Verwaltung hat Gebäude identifiziert, die mit Notstromaggregaten ausgestattet werden sollen, weil sie im Krisenfall eine wichtige Funktion haben. Das sind das Rathaus, die Stadthalle und die beiden Feuerwehr-Gerätehäuser in Wittingen und Radenbeck. In Knesebeck nicht, weil dort ein Neubau ansteht. Die Ausstattung der Gebäude mit Aggregaten ist laut Kahrens bereits beauftragt.

Rathaus und Stadthalle könnten, so die Überlegung, im Notfall als Wärmepunkte fungieren – also als Anlaufstellen für Bürger, die zu Hause nicht mehr heizen können. Bei Kliniken und Pflegeheimen geht die Stadt davon aus, dass diese Betriebe eigene Vorsorge für eine Notstromversorgung treffen.

• Kraftstoffversorgung

Kein Notstrom ohne Diesel oder Benzinvorräte, und die werden natürlich auch gebraucht, um Einsatzfahrzeuge mobil zu halten. In dem Zusammenhang hat das Rathaus Gespräche mit Treibstofflieferanten aufgenommen; und es laufen Überlegungen, Tankstellen mit Notstrom auszustatten. Man dürfe nicht nur an Diesel und Benzin denken, sagt Kahrens – damit im Notfall auch Lkw weiterhin rollen, muss zum Beispiel auch AdBlue zur Verfügung stehen. Bei der Feuerwehr ist in dieser Hinsicht ebenfalls eine Bedarfsabfrage gemacht worden.

• Kommunikation / Information der Bürger

Jeder sollte für den Notfall ein batteriebetriebenes Radio zu Hause haben, um sich im Krisenfall über die Großwetterlage zu informieren. Die Stadt verfügt für die Streuung lokal relevanter Informationen über Fahrzeuge mit Lautsprechern oder Megafon. Gegebenenfalls müsse man auch auf Flugblätter setzen, sagt Ritter. Oder es werde vielleicht auch nötig, dass ein Teil der 570 Feuerwehrleute zu Fuß durch die Straßen geht, um zu informieren.

Mobilfunk, so Kahrens, hätte bei der Stromversorgung nur einen Puffer von ein paar Stunden. Die Stadt denkt über die Anschaffung eines Satellitentelefons nach.

Teil der Kommunikationsstrategie wären freilich auch die Sirenen. Glücklicherweise hat die Stadt ihre Sirenen in den letzten 30 Jahren – anders als viele andere Kommunen – nicht abgebaut. Ein paar fehlen trotzdem und sollen auch beschafft werden, auch wenn Fördermittel trotz Antrag nicht geflossen sind. Ganz vorn auf der Prio-Liste: Stöcken und die Boitzenhagener Waldsiedlung. Diese neuen Sirenen sind sogar schon ausgeschrieben worden. Problem: Bisher sind keine Angebote eingegangen. Firmen, die so etwas können, sind offenkundig rar gesät. Geplant ist, bei den Neuanschaffungen gleich auf Exemplare zu setzen, die nicht nur heulen, sondern auch eine Durchsagefunktion haben.

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Im Rathaus ist man sich bewusst, dass viele weitere Fragen zu klären sind. Haben Einsatzkräfte genug Taschenlampen und Powerbanks? Welche Hilfe bekommen Landwirte, die mit ihren Tieren auf Melkmaschinen angewiesen sind? Wie kann Menschen geholfen werden, die in ihren vier Wänden beatmet werden müssen?

Alles auf einmal, so die Botschaft aus dem Rathaus, kann derzeit nicht geklärt werden, weil die Verwaltung auch ihr Tagesgeschäft erledigen müsse. „Vieles“, so Ritter, „ist nur mittelfristig lösbar.“ Eine Lebensmittelversorgung etwa werde die Stadt nicht aufbauen können. Im Krisenfall sei es gemeinsame Aufgabe des Staates und der vorhandenen Versorger, eine geordnete Abgabe zu gewährleisten.

Und der Rathauschef hofft auch darauf, dass gerade in den dörflichen Gemeinschaften viel gegenseitige Hilfe geleistet werden würde.

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