Die Beerdigung eines schönen Traums

Nur geträumt: So ähnlich hätte es ausgesehen, wenn die Regio-Stadtbahn durch Braunschweig rollt.

Wittingen/Braunschweig - Von Holger Boden. Nun haben die Menschen im Isenhagener Land Gewissheit: Senioren werden auch künftig per Taxi oder Bus zum Arzt in Gifhorn fahren, Schüler steigen in die Bummelbahn, um zur Sassenburger IGS oder dereinst auch zum kirchlichen Gymnasium in Meine zu gelangen, und für den Ausflug nach Goslar wird irgendwann das Elektroauto erste Wahl sein. Die Regio-Stadtbahn rollt nicht.

Das hatte sich seit Wochen abgezeichnet, seit Dienstagabend ist es nun amtlich. Der Verbandsdirektor des Zweckverbands Großraum Braunschweig (ZGB), Hennig Brandes, hat in einer außerordentlichen Sitzung des Verbandsausschusses offiziell mitgeteilt, dass das Projekt nicht realisiert werden kann. Angesichts der hohen Kosten müsse er die Ausschreibung aufheben.

Das ist das Ende für ein Vorhaben, für das die Planungen 1998 begonnen hatten und in das inzwischen 20 Millionen Euro investiert worden sind. Keine modernen Schienenfahrzeuge auf der 125 Kilometer langen Strecke von Uelzen bis Bad Harzburg, kein Stundentakt in Bahnhöfen wie Wittingen und Wahrenholz, keine komfortable Anbindung nach Braunschweig oder Gifhorn.

Das Projekt ist unter anderem an zusätzlichen Sicherheitsauflagen gescheitert. Die sollen den Preis für die 29 Zugeinheiten, die für die Regio-Stadtbahn rollen sollten, von 106 auf 206 Millionen Euro getrieben haben.

Angesichts der Kostenexplosion sei das Nutzen-Kosten-Verhältnis „definitiv“ unter 1,0 gesunken, musste Brandes gegenüber dem nichtöffentlich tagenden Ausschuss einräumen. Dadurch ist eine Finanzierung der Infrastruktur durch Bund und Land formal nicht mehr möglich. Nach IK-Informationen liegt der Wert nun bei 0,8. Der Vorsitzende der Verbandsversammlung, Helmut Kuhlmann, bestätigte diese Zahl gestern.

Zudem gebe es weitere Probleme, hieß es gestern seitens des ZGB – etwa die gegenüber der Kostenkalkulation zu erwartenden bis zu 70 Prozent höheren Betriebskosten. Dadurch entstehe ab 2015 eine hohe Deckungslücke, die der Verband nicht schließen könne. Und: Selbst wenn die Nutzen-Kosten-Relation stimmen würde, gäbe es weitere Risiken durch einen möglichen Ausfall der Bundesmittel für die Infrastruktur.

Dass die Verbandspolitiker sich am Dienstagabend einig waren, dass das Vorhaben eigentlich als „Leuchtturm“ der regionalen Entwicklung zu sehen sei, hilft nun denen, die ab 2015 damit fahren wollten, nicht weiter. Doch offenbar müssen sie sich der Macht des Faktischen fügen: „Es ist keine Frage des guten Willens“, hat Kuhlmann anhand der Zahlen erkannt, die „nicht zu bestreiten“ seien. Vielen im Verbandsausschuss sei es schwergefallen, das Ende des Projektes einzusehen.

Die bisher investierten Mittel dürfe man derweil nicht als versenktes Geld ansehen, so Kuhlmann: „Das waren notwendige Gutachten, ohne die man nicht mal in die Nähe eines Antrags gekommen wäre.“

Enttäuscht zeigte sich gestern auch Wittingens Stadtbürgermeister Karl Ridder, der vom IK über das Aus für die Pläne informiert wurde: „Es ist nicht schön, das zu hören.“ Ridder will heute Abend den Verwaltungsausschuss über die Entscheidung informieren. Vor allem Wittingen hätte von der besseren Anbindung profitiert. Die Stadt kann sich nun damit trösten, dass die kommunale Eigenbeteiligung für den Umbau des Bahnhofes nicht fällig wird – 400 000 Euro können dadurch für andere Zwecke veranschlagt werden.

Laut Kuhlmann sollen nun noch „Alternativen geprüft werden“. Von einer möglicherweise abgespeckten Version wollte er derweil nicht sprechen – man darf also gespannt sein. „Fraktionen und Verbandsversammlung“, so hieß es in einer ZGB-Mitteilung, wollen nun „das weitere Vorgehen beraten.“ Führt auch das zu keinen Ergebnissen, dann wäre das, so Kuhlmann, „die Beerdigung eines schönen Traums“.

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