Debatte wird 2021 Fahrt aufnehmen

Endlager-Kandidat Waddekath: Bedingt aufnahmebereit?

Nur drei Kilometer: Ein Waddekather Endlager würde letztlich auch Wittingen unmittelbar treffen.
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Nur drei Kilometer: Ein Waddekather Endlager würde letztlich auch Wittingen unmittelbar treffen.
  • Holger Boden
    vonHolger Boden
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Im Windschatten der Pandemie dürfte eine große Debatte in diesem Jahr an Fahrt aufnehmen, die die Bundesbürger noch viel länger beschäftigen wird: Eine Million Jahre lang soll das gesuchte Endlager für Atommüll Sicherheit bieten.

Waddekath/Wittingen – Mit dem „Salzstock Wittingen“ und dem „Salzstock Vorhop“ sind noch zwei Gebiete in der Verlosung, die unmittelbar auf städtischem Areal liegen – doch in der öffentlichen Diskussion geht der Blick vor allem immer wieder gen Landesgrenze.

Der Salzstock Waddekath, größtenteils unter sachsen-anhaltinischem Boden gelegen, ist über Jahrzehnte immer wieder genannt worden, wenn es um vermeintliche Endlager-Standorte ging, und er gehört tatsächlich ebenfalls zu den bundesweit 90 Teilgebieten, die weiter geprüft werden. Ein Gutachten attestiert nun der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), dass sie mit Blick auf Waddekath bisher sauber gearbeitet hat.

Kein Alarmismus – aber Wachsamkeit

Der Neustart der Endlagersuche zeitigte am 28. September erste Ergebnisse, als die BGE ihren „Zwischenberichte Teilgebiete“ veröffentlichte. Dass diverse Standorte, die den Nordkreis berühren, zu der Gebietskulisse gehören, die nun genauer untersucht wird, ist zunächst einmal kein Grund für Alarmismus. Aber für Wachsamkeit, wie nicht nur Wittingens Stadtbürgermeister Andreas Ritter findet. Das Rathaus hat in der Sache Kontakt mit dem Flecken Diesdorf aufgenommen, um interkommunal an die Sache heranzugehen. Für Ritter ist darüber hinaus klar, dass die Stadt Expertenrat benötigt, um die komplexe Thematik adäquat zu begleiten: „Wir haben Tiefbauer in der Verwaltung, aber keine Geologen“, sagt der Rathauschef, zudem brauche man auch besonderes juristisches Know-how. Ritters Blick geht in Richtung Anfang Februar, dann tagt die „Fachkonferenz Teilgebiete“ – eine Beteiligungsmöglichkeit auch für Kommunen.

Man muss sich nichts vormachen: Am Ende wird es für jede Anrainerkommune in Deutschland darum gehen, im Beteiligungsprozess herauszuarbeiten, warum der Salzstock oder das Tongestein vor ihrer Haustür nicht geeignet ist, den hoch radioaktiven Atommüll aufzunehmen, den bundesdeutsche Atomkraftwerke produziert haben. Der Niedersächsische Städte- und Gemeindebund (NStGB) sieht natürlich die „Notwendigkeit“ für ein dauerhaftes Endlager, doch Begeisterung klang freilich nicht durch, als der kommunale Verband im Dezember konstatierte, dass etwa 80 Prozent der niedersächsischen Landesfläche im weiteren Verfahren vertreten sind. Gemeinsam mit Umweltminister Olaf Lies versicherte NStGB-Präsident Marco Trips, man wolle sich für ein „faires“ und „transparentes“ Verfahren einsetzen.

Pandemie contra Partizipation?

Über ein solches wacht auch das Nationale Begleitgremium (NBG) – eine 18-köpfige Gruppe von Wissenschaftlern, Personen des öffentlichen Lebens und „Normalbürgern“, die die Endlagersuche begleiten soll. „2021 wird ein entscheidendes Jahr für die Öffentlichkeitsbeteiligung“, sagt die Co-Vorsitzende Prof. Miranda Schreurs.

Die Partizipation der Bürger – das hat das NBG bereits festgestellt – leidet unter den Bedingungen der Corona-Krise. Ob die sich abzeichnende rein digitale Beteiligung sich juristisch mit dem Standortauswahlgesetz verträgt, wird als nur eine von diversen offenen Fragen angesehen. Das NBG will solche Punkte auch per Gutachten klären lassen.

Gutachten ganz anderer Art hat das Gremium schon im letzten Jahr in Auftrag gegeben, und gegen Jahresende wurde ein Papier veröffentlicht, das sich mit Gorleben und Waddekath beschäftigte. Kurz gesagt ging es um die Frage: Wurden bei der bisherigen Betrachtung der beiden Salzstöcke durch die BGE die Ausschlusskriterien, Mindestanforderungen und geowissenschaftlichen Abwägungskriterien richtig angewandt, die das Standortauswahlgesetz vorgibt?

Das Begleitgremium beauftragte den Darmstädter Geowissenschaftler Prof. Dr. Randolf Rausch mit der Untersuchung, und dessen Antwort lautet in beiden Fällen: Ja, die in Peine angesiedelte Bundesgesellschaft hat sauber gearbeitet. „Das Ergebnis der Prüfung ist, dass die von der BGE durchgeführte Bewertung nachvollziehbar und fachlich korrekt ist“, schreibt Rausch.

Heißt das schon, dass Waddekath auf jeden Fall geeignet ist und damit bis zum Ende im Rennen bleiben wird? Für derartige Aussagen ist es noch deutlich zu früh. Rausch hatte den Auftrag, nach Aktenlage zu prüfen, nicht mehr und nicht weniger. Grundlage waren geologische Karten, Fachliteratur, Expertisen, Bohrungsinformationen. Die 90 Teilgebiete vom 28. September werden künftig noch eingehend untersucht werden. Kernbotschaft des NBG-Gutachtens: Wer zum jetzigen Zeitpunkt bereits gehofft hatte, in der Causa Waddekath einen Verfahrensfehler nachzuweisen, der wird wohl keinen finden.

Bei der Lektüre von Rauschs Ausarbeitung lernt man zudem, dass der Salzstock, der knapp drei Kilometer vor den Toren Wittingens liegt, über wichtige „technische Daten“ verfügt, die ihn als Endlager qualifizieren könnten. Die 19 Quadratkilometer große untertägige Steinsalz-Struktur mit einer Mächtigkeit von bis 980 Metern ist voluminös genug, von der höchsten Stelle sind es mindestens 520 Meter bis zur Oberfläche. Die Barrierewirkung und andere Kriterien werden als erfüllt angesehen.

„Bedingt günstig“

Der BGE zufolge ist angesichts der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien eine „günstige geologische Gesamtsituation für die sichere Endlagerung radioaktiver Abfälle“ zu erwarten.

Doch Gegenstand von Diskussionen – und ein Hebel für hiesige Endlager-Kritiker? – dürfte der Umstand werden, dass zwei von elf Einzelkriterien mit „nicht günstig“ bewertet wurden, und dass es auch Indikatoren gibt, die als nur „bedingt günstig“ angesehen werden. Auf dem Papier, das hat Rausch der Bundesgesellschaft bestätigt, ist das alles richtig bewertet worden – aber reicht „bedingt günstig“ oder gar „nicht günstig“ für eine Million Jahre?

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