Ermittler setzen nun gezielt auf Hinweise aus dem Umfeld der Eltern

Babyleiche von Knesebeck: Anonyme Zeugen gesucht

Das Grab des namenlosen Jungen in Knesebeck gestern Nachmittag: Zahlreiche Menschen haben mit Plüschtieren oder anderen Objekten ihre Anteilnahme dokumentiert. Foto: Boden
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Das Grab des namenlosen Jungen in Knesebeck gestern Nachmittag: Zahlreiche Menschen haben mit Plüschtieren oder anderen Objekten ihre Anteilnahme dokumentiert.
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Knesebeck/Gifhorn. Einen Monat nach dem Fund des toten Säuglings in Knesebeck hat die Polizei noch keine heiße Spur bei der Suche nach den Eltern.

Mehrere hundert Hinweise seien bei den Ermittlern in Gifhorn eingegangen, sagte gestern Andreas Krenz, Leiter der zehnköpfigen Sonderkommission, die sich mit dem Fall beschäftigt. Rund 75 Spuren seien noch abzuarbeiten.

An dieser Stelle war die Babyleiche Anfang März entdeckt worden.

„Leider gibt es nichts Neues in der Sache selbst“, bedauerte Gifhorns Polizeichef Michael Feistel gestern Nachmittag. Auch die Ergebnisse der Gewebe-Untersuchung, die von den Ermittlern unmittelbar nach dem Auffinden der Babyleiche am 4. März veranlasst wurde, stehen noch aus. Zunächst war davon ausgegangen worden, dass sie nach etwa vier Wochen vorliegen könnten. Laut Kripo-Chef Uwe Ramme wird damit nun „in den nächsten 7 bis 14 Tagen“ gerechnet.

Noch vor Ostern also könnten die Resultate Auskunft zu einer zentralen Frage geben: Lebte der kleine Junge nach seiner Geburt – oder kam er tot zur Welt? Gelingt die Analyse, dann wissen die Ermittler immerhin schon einmal, ob sie von einem Tötungsdelikt auszugehen haben. „Noch gibt es viele denkbare Möglichkeiten“, betonte Krenz. „Nur eine davon – die schlimmste – ist Mord.“

Die Soko setzt ihre Hoffnungen nun auch auf Hinweise aus dem Umfeld der Mutter. Dazu setzt sie das so genannte BKMS® ein. Das Kürzel steht für Business Keeper Monitoring System; der Name rührt von der Business Keeper AG her, die die Methode entwickelt hat und seit fast 15 Jahren einsetzt – vor allem bei der Aufdeckung von Korruption und Wirtschaftsspionage. Das Besondere: Hinweisgebern soll dabei völlige Anonymität garantiert werden.

„Das ist eigentlich ein Whistleblower-System“, erläuterte Carsten Schütte vom Landeskriminalamt gestern in Gifhorn. Das LKA nutze BKMS® seit mehr als 13 Jahren – für die Aufklärung eines Säuglings-Tods werde es in Niedersachsen, und vermutlich sogar bundesweit, nun erstmalig eingesetzt.

Zielgruppe der Ermittler sind Familie, Nachbarn, Kollegen, Bekannte und andere, die den Eltern des Babys nahestehen. Ihr Wissen können sie in einem Formular der Polizei anonym mit den Ermittlern teilen. 

Aus der „Nachbarschaft“?

Die Polizei sucht die Mutter nicht in sozialen Randgruppen

Nach was für einer Person sucht man eigentlich, wenn man eine Mutter sucht, die mutmaßlich ihr totes Baby in einer Aldi-Plastiktüte auf einem Haufen aus Grünabfällen zurückgelassen hat? Die es vielleicht – vielleicht auch nicht – getötet hat? Geht es dabei zwangsläufig um eine Frau von einem der prekären Ränder der Gesellschaft? 

Nein, sagt Carsten Schütte vom Landeskriminalamt, wo man sich seit vielen Jahren mit Fallanalysen nach Kindstötungen befasst: „Die Frau könnte aus der Nachbarschaft stammen. Sie ist soziografisch vermutlich nicht von anderen Frauen zu unterscheiden.“ Für die Ermittler, die sich jetzt in Gifhorn mit der am 4. März bei Knesebeck gefundenen Babyleiche beschäftigen, sind solche Erkenntnisse wichtig. Sie brauchen ein gewisses Profil der mutmaßlichen „Täter“, auch wenn die „Tat“ noch gar nicht so eindeutig ist. Mord? Totschlag? Oder Schockhandlung nach Totgeburt? 

Hoffen auf anonyme Hinweise aus dem sozialen Umfeld der Mutter des toten Säuglings: Gifhorns Polizeichef Michael Feistel (v.r.), Soko-Leiter Andreas Krenz, Kripo-Chef Uwe Ramme und Carsten Schütte vom LKA.

Wird ein Neugeborenes in den ersten 24 Stunden nach seiner Geburt von den Eltern (meistens von der Mutter) getötet, dann sprechen Kriminalisten von einem Neonatizid. Bundesweit werden laut Schütte jährlich 15 bis 40 solcher Fälle bekannt. Angeben zur Dunkelziffer sind schwierig, Quellen im Internet gehen von einer 25-fachen bis 40-fachen Zahl aus. 

Laut Schütte liegt bei den betreffenden Müttern in der Regel eine „Persönlichkeitsproblematik“ vor, die es ihnen nicht erlaubt, Hilfsangebote wie Babyklappen oder ähnliches anzunehmen. Die innere Haltung zur eigenen Schwangerschaft könne von Leugnung bis hin zu Verdrängung reichen – im Extremfall bis hin zur Verkennung einsetzender Wehen, mit der Folge einer überraschenden Geburt. 

20 bis 30 Prozent der betreffenden Frauen seien verheiratet, so Schütte, das Durchschnittsalter liege bei Anfang bis Mitte 20. In 50 bis 67 Prozent der Fälle geht es um das erste Kind. Und: „Das Stigma der sozialen Randgruppe trifft nicht zu.“ Die Frauen hätten in der Regel ein mittleres Bildungsniveau.

Auch mit Blick auf die erhofften Hinweise aus der Bevölkerung ist es den Ermittlern ein Anliegen, dass die Mutter des toten Säuglings von Knesebeck „entmonstert“ wird – eben weil die Fährte, die auch in eine scheinbar relativ normale Familie führen könnte, sonst vielleicht nicht gesehen wird. Und weil es vielleicht gar kein Tötungsdelikt war. 

In dem Knesebecker Fall ist auch nach wie vor offen, ob die Verantwortlichen aus dem Nordkreis stammen, oder ob der Ablageplatz südlich des Ortes – zufällig oder bewusst – von völlig Fremden gewählt wurde. Auch die Ethnie des Babys ist noch unklar. 90 Prozent der Hinweise stammen nach Angaben des Leiters der Sonderkommission, Andreas Krenz, aus dem „Nahbereich“. Was aber auch nicht weiter überrasche. Die Bestattungsfeier, die mit Blick auf die Teilnehmerschaft von der Kripo natürlich beobachtet wurde, habe keine Hinweise geliefert. 

Nun also der Versuch, mit Hilfe des BKMS® (siehe oben) Hinweise aus dem sozialen Umfeld der Mutter des Säuglings zu bekommen. Schütte zufolge bleibt der Zeuge, der das System nutzt, anonym. Keine Speicherung von Daten, keine Rückverfolgung. Trotzdem gebe es die Möglichkeit, über eine Art anonymes Postfach mit der Polizei in Kontakt zu bleiben. In einem Formular können konkrete Fragen beantwortet oder Freitext eingegeben werden. Der Zugang erfolgt über die Websites der Polizeiinspektion Gifhorn, der Polizeidirektion Braunschweig oder auch der Polizei Niedersachsen. Die Auswertung übernimmt die Sonderkommission in Gifhorn. Natürlich werden Zeugenhinweise auch weiterhin unter Tel. (05371) 9800 entgegengenommen.

Von Holger Boden

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