Wie Wittingen unter dem Dreißigjährigen Krieg zu leiden hatte / Half ein Hufeisen?

Auftakt zur Katastrophe vor 400 Jahren

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Da war dann endlich wieder Frieden: Der Merian-Stich zeigt eine Darstellung von Wittingen im Jahr 1654.

Wittingen. 2018 – das Jahr, in dem man noch umfangreich an das Ende des Ersten Weltkriegs erinnern wird, das sich im Herbst zum 100. Mal jährt.

Ein anderes großes Schlachten, das sich tief ins kollektive Bewusstsein der Deutschen gegraben hat, nahm dagegen vor genau 400 Jahren erst seinen Anfang – und ist in der Wittinger Erinnerung aus verschiedenen Gründen immer wieder mal präsent: der Dreißigjährige Krieg.

Als Auslöser des Konflikts, der Europa von 1618 bis 1648 in Atem halten sollte, gilt der Prager Fenstersturz vom 23. Mai 1618 – ein Gewaltakt protestantischer Ständevertreter an drei königlichen Statthaltern des katholischen Hauses Habsburg. Dass es die folgenden 30 Jahre aber nicht nur um Religion, sondern vor allem auch um handfeste Territorialinteressen in Europa ging, zeigt die Tatsache, dass katholische und protestantische Staaten mitunter auch auf derselben Seite standen. Das Hauptschlachtfeld: das Heilige Römische Reich Deutscher Nation.

Wittinger Akteure stellten zum Stadtjubiläum 1981 den Einzug schwedischer Truppen nach.

Die Leidtragenden waren die einfachen Bürger, deren Dörfer und Städte im Verlauf des Krieges immer wieder geplündert oder gar zerstört wurden oder zumindest unter Einquartierungen fremder Truppen zu leiden hatten. Solches erlebte auch Wittingen, das wechselweise von den Leuten des katholischen Kaisers und den Soldaten des protestantischen Schwedenkönigs besetzt wurde. „Das ging hin und her“, sagt der Wittinger Heimat-Historiker Kurt-Ulrich Blomberg, „die kaiserlichen und die Schweden waren hier die Hauptparteien.“

Wittingen war welfisches Territorium, doch auf Schutz durch den eigenen Landesherren brauchte in jener Zeit niemand rechnen – es galt das Recht des Stärkeren, und der Stärkere machte, was er wollte. So berichtet Blomberg in seiner „Wittinger Stadtgeschichte im Überblick“ unter Bezug auf eine spätere Quelle davon, wie 1625 von Uelzen aus der Graf Ernst von Mansfeld Lieferungen und Einquartierungen von den Wittingern verlangte, und wie im Jahr darauf die Truppen des Herzogs Christian von Braunschweig die Stadt drangsalierten. Viele Bürger und Bauern in und um Wittingen trieb das in den Ruin und in den Hunger.

Kaiserliche und Schweden – das ging hin und her.

Kurt-Ulrich Blomberg

An die Hufeisensage erinnert noch heute das Hufeisen an der Kirche. 

Nach wie vor sehr populär ist in Wittingen die Hufeisensage, die im Jahr 1639 spielt, als zwei schwedische Reiterregiementer in Wittingen einquartiert waren. Die Stadt war schon ausgeblutet und sollte nun auch noch einen Tribut zahlen, damit die Truppen abrückten und sie nicht plünderten und zerstörten. Der Oberst der Besatzer hörte sich die flehenden Bitten der Wittinger an und gab sich dann „großzügig“: Er wolle drei Mal um die Kirche reiten, und wenn sein Pferd dabei ein Hufeisen verlöre, wolle er die Stadt verschonen.

Nun, der unwahrscheinliche Fall trat ein, der Oberst hielt sein Versprechen, und das Hufeisen ist heute noch über einer Seitentür der St. Stephanuskirche zu bewundern. Zur 1200-Jahr-Feier der Stadt im Jahr 1981 bereiteten Schüler und andere Akteure die damaligen Ereignisse in Form eines historischen Sagenspiels auf dem Marktplatz auf. Der Heimatverein hat das Filmmaterial von damals im Jahr 2015 später digital aufbereitet, die Erstaufführung sahen 200 Zuschauer.

Gleichwohl bedeutete die Besatzungszeit während des Dreißigjährigen Krieges auch für Wittingen Zerstörung: 1639 wurden bei einem großen Stadtbrand 44 Häuser ein Raub der Flammen. 1642 gleich der nächste Brand, laut Blomberg schwanken in diesem Fall die Angaben zur Zahl der abgebrannten Häuser vielleicht „nur“ acht Gebäude, vielleicht auch noch einmal so viele wie drei Jahre zuvor.

Historiker schätzen, dass die Einwohnerzahl in den deutschen Landen von 1618 bis 1648 um etwa 40 Prozent dezimiert wurde. Für Wittingen hat Blomberg bei seinen Recherchen in dieser Hinsicht keine soliden Angaben gefunden.

1641 schien für Mitteleuropa so etwas wie ein Silberstreif am Horizont heraufzuziehen, denn die Kriegsparteien einigten sich auf einen Friedenskongress in Münster und Osnabrück. Doch während man in den Dörfern einen schnellen Frieden herbeisehnte, hatte man es in den Palästen nicht so eilig: Erst 1648 beendete der Westfälische Friede die Kriegswirren. Und selbst dann gelang es noch nicht, alle Waffen zum Verstummen zu bringen und alle Truppen zu demobilisieren – Wittingen sah sich 1649 abermals der Drangsalierung durch eine schwedische Abteilung ausgesetzt.

Ein steinerner Zeuge des Dreißigjährigen Krieges steht noch heute in der Wittinger Altstadt: das Haus Kreyenberg. Der 2017 nach umfangreicher Sanierung wiedereröffnete Bau wurde 1640 errichtet – an der Stelle, wo 1639 eins der 44 Häuser niedergebrannt war.

Von Holger Boden

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