IG-Sprecher Dr. Mahlke: „Das treibt Kollegen vorzeitig in den Ruhestand“

Ärzte-Kritik an Bürokratie

Datenverarbeitung als Streitpunkt: Dr. Rolf Mahlke in seiner Praxis. 
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Datenverarbeitung als Streitpunkt: Dr. Rolf Mahlke in seiner Praxis.

Knesebeck/Wittingen. Ärzte im Alter von 70 Jahren oder drüber – und kein Nachfolger in Sicht: Das gibt es auch im Wittinger Stadtgebiet. Der Landärztemangel beschäftigt in steigendem Maße die Politik.

Die Kardinalfrage: Woher soll der medizinische Nachwuchs kommen, wenn es schlicht nicht genug davon gibt?.

„Beide versuchen, Nachfolger zu finden“, sagt etwa Knesebecks Ortsbürgermeister Heinz-Ulrich Kabrodt über die Allgemeinmediziner in seinem Ort. Weil er nicht weiß, wie die Suche ausgeht, will er – als Ortspolitiker wie auch als SoVD-Kreisvorsitzender – bei der großen Politik auf Lösungsrezepte drängen.

Die beiden SPD-Abgeordneten, die den Landkreis Gifhorn im Landtag vertreten, sehen das Flächenland Niedersachsen vor „großen Herausforderungen“: Der Ummeraner Tobias Heilmann und sein Südkreis-Kollege Philipp Raulfs betonen in einer gemeinsamen Stellungnahme, die Politik müsse die „dezentrale medizinische Versorgung“ auf dem Land sicherstellen. Dazu müsse auch die Fernbehandlung per Telemedizin gehören, gleichzeitig müssten Mobilitätsangebote dafür sorgen, dass auch jeder seinen Arzt erreichen kann. Zusätzlich solle der Stellenwert des Studiums der Allgemeinmedizin gestärkt werden.

Derweil sieht der Wittinger Zahnarzt Dr. Rolf Mahlke aktuelle, von der Politik verursachte Entwicklungen, die den Ärztemangel noch verschärfen. Mahlke ist Sprecher der bundesweit tätigen IG Med, Trägerin der in Gründung befindlichen Deutschen Ärztegewerkschaft (DÄG). Bei der DÄG wie auch in ärztlichen Internetforen stehen derzeit zwei Dinge besonders in der Kritik: das TSVG und neue Anforderungen an die Telematik-Infrastruktur.

Beim TSVG handelt es sich um das Terminservice- und Versorgungsgesetz – viele Mediziner kritisieren, dass sie schon bis zum Anschlag arbeiten, während das TSVG ihnen noch mehr Wochenstunden aufbürde. Bei der Telematik geht es im Wesentlichen um einen sogenannten Connector, den Arztpraxen künftig zum Datentransfer nutzen sollen. Wer nicht mitmacht, soll auf 1 Prozent seines Honorars verzichten müssen. Mahlke sagt, dass viele Mediziner den Datenschutz in Gefahr sehen: „Wenn die Daten aus der Praxis raus sind, habe ich keine Kontrolle mehr.“ Viele ältere Kollegen, die sonst länger als bis zum 63. Lebensjahr arbeiten würden, treibe der Connector-Zwang verbunden mit zunehmender Bürokratisierung vorzeitig in den Ruhestand.

Und noch einen gravierenden Nachteil habe der Connector: „Fällt dann künftig mal das Internet aus, dann kann man die Patienten alle nach Hause schicken.“

Von Holger Boden

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